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30.09.2018

Vive le français – Königsweg Austausch?

30.09.2018
An einer Sitzung in Bern war das Thema Sprachaustausche traktandiert. Dann stellte ich die Frage nach dem Nutzen von solchen Austauschen. Nach etwas Gelächter präzisierte ich meine Frage: Bei ...
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An einer Sitzung in Bern war das Thema Sprachaustausche traktandiert. Dann stellte ich die Frage nach dem Nutzen von solchen Austauschen. Nach etwas Gelächter präzisierte ich meine Frage: Bei welchen Austauschaktivitäten stimmen Aufwand und Ertrag?

Von Lukas Fürrer*

Wer auf der Homepage der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) den Suchbegriff "Sprachaufenthalt" oder "Sprachaustausch" eingibt, wird nur sehr beschränkt fündig. Zum Thema liegen nur sehr wenige Forschungsarbeiten vor. Gleichwohl scheinen Sprachaufenthalte und Austausche so etwas wie ein Königsweg, wenn es um die Verbesserung der Fremdsprachkenntnisse geht. Sind sie das wirklich? Oder eignet sich die neue Betriebsamkeit rund um den Austausch vielleicht eher als Feigenblatt, um ein Deutschschweizer Desinteresse an der Sprache der Romandie zu kaschieren? Oder sind Schulreisen in die Romandie einfach das kostengünstige Mittel der Stunde? Wo immer sich politische Hektik einstellt, ist es angezeigt, den Gegenstand etwas genauer anzuschauen. Eine vertiefte Prüfung kann an dieser Stelle zwar nicht geschehen, Platz für einige Impulse und Anmerkungen gibt es aber schon.



Austausch und Mobilität

In jüngster Zeit haben auch Schweizer Politikerinnen und Politiker aller Couleur den Sprachaufenthalt in der Romandie als Notwendigkeit, als "passage obligé" auf dem Weg zu besseren Französischkenntnissen entdeckt. 2017 verabschiedete die EDK Empfehlungen zum Fremdsprachunterricht. Ein besonderer Schwerpunkt soll bei Austausch und Mobilität gesetzt werden. Gemeinsam mit dem Bund genehmigte die EDK dazu eine eigene Strategie für Austausch und Mobilität. Schon ein Jahr zuvor wurde die seit 2011 federführende CH-Stiftung, welche die Erwartungen in Sachen Austausche nicht erfüllte, durch die von Bund und Kantonen gegründete Agentur Movetia ersetzt.

Wenig Austausche
In der Strategie Austausch und Mobilität hiess es 2017: «Auf der Stufe der obligatorischen Schule können die meisten Kinder und Jugendlichen erreicht werden. Der statistisch erfasste Umfang der Austauschteilnahmen in der Volksschule und in den allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe II liegt jedoch bei nur rund 2 % der Schülerpopulation. Auch bei Lehrpersonen und in der Berufsbildung sind die Zahlen tief. Dies lässt darauf schliessen, dass entsprechende Angebote fehlen, ungeeignet ausgestaltet oder nicht genügend bekannt sind.» Hier muss aus Zuger Sicht angefügt werden, dass der Kanton Zug mit 3 % hinter Fribourg und dem Wallis mit je knapp 10 % sowie dem Jura mit knapp 5 % schweizweit den sehr guten 4. Austauschrang belegte, was massgeblich dem grossen Engagement des langjährigen Austauschverantwortlichen, Peter Schenker, geschuldet ist. Zum Vergleich: ZH 0,6 %, LU 1,0 %, BS 1,0 %, GE 1,8 %.

Neustart
Mit Movetia soll die Situation verbessert werden. Um dafür eine optimale Grundlage zu schaffen, fanden 2017 in allen Kantonen Gespräche zwischen Movetia und den austauschverantwortlichen Personen statt. Im Kanton Zug übergab im Sommer 2018 Peter Schenker den Stab, pardon, la baguette an Silvia Nadig von der PH Zug als neue Austauschverantwortliche für die Primarschule und Sekundarstufe I. Zum Neustart ist es angezeigt, auch die Frage nach Aufwand und Ertrag von Sprachaufenthalten erneut aufs Tapet zu rücken. Wie gesagt: Die Forschungslage ist dünn, was auch von der SKBF bestätigt wurde.

Studie von Heinzmann und Schallhart
Aus jüngerer Zeit ist es vor allem eine Arbeit, die sich dem Thema widmet, nämlich die Studie «Sprachaufenthalte und deren Einfluss auf die Sprachlernmotivation und die interkulturellen Kompetenzen» von Sybille Heinzmann und Nicole Schallhart von 2014.

Die SKBF fasst die Ergebnisse aus dieser Studie wie folgt zusammen: «Das Forschungsprojekt untersuchte, welche Auswirkungen ein Sprachaustausch auf die Entwicklung interkultureller Kompetenzen und Einstellungen sowie auf die Sprachlernmotivation von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe II hat. Dabei sollte auch der Frage nachgegangen werden, ob sich für Austauschprogramme gewisse Erfolgsbedingungen ausmachen lassen. Gegenstand der Studie waren Austauschaktivitäten von unterschiedlicher Dauer (1 bis 2, 5 bis 7, 7 bis 12 und mehr als 12 Wochen) in Gebiete mit den Zielsprachen Deutsch, Französisch oder Englisch. Mittels Onlinefragebogen wurden 405 Schüler(innen), welche an einem Sprachaustausch teilgenommen haben, vor dem Austausch, kurz nach dem Austausch und drei Monate nach dem Austausch über deren Sprachlernmotivation, interkulturelle Kompetenz, die Art der Aktivitäten während des Austauschs, über den Kontakt mit Zielsprachesprechenden, den Sprachgebrauch während des Aufenthalts, über die Art der Unterkunft, etc. befragt. In qualitativen Interviews wurden zusätzlich zehn Teilnehmende (teils mit positiver, teils mit negativer Entwicklung im Bereich Sprachlernmotivation und interkultureller Kompetenz) befragt. Des Weiteren wurden als Kontrollgruppe 135 Schüler(innen), welche nicht an einem Sprachaustausch teilgenommen haben, ebenfalls drei Mal zu ihrer Sprachlernmotivation und interkulturellen Kompetenz befragt. Die Ergebnisse zeigen beispielsweise, dass Jugendliche, welche einen Sprachaustausch gemacht haben, über eine bessere Sprachlernmotivation sowie eine höhere interkulturelle Kompetenz verfügen als solche ohne diese Erfahrung. Es gibt auch Hinweise darauf, dass der Entscheid über die Teilnahme an einem Austauschprogramm das Motivationsgefälle zwischen den Zielsprachen Englisch und Französisch zu reduzieren vermag. Günstige Rahmenbedingungen für Austauschaktivitäten stellen eine angemessene Aufenthaltsdauer und ein reger Gebrauch der Zielsprache möglichst im Kontakt mit Zielsprachesprechenden dar. Von grosser Bedeutung ist auch die Bereitschaft der Gastfamilie, die Austauschschüler(innen) in ihr kulturelles und familiäres Leben miteinzubeziehen.»

Der Nutzen äussert sich hier als positiver Einfluss auf die Lernmotivation für das Französisch und eine höhere interkulturelle Kompetenz, insbesondere in Abhängigkeit von der konkreten Ausgestaltung des Sprachaufenthalts (reger Sprachgebrauch, Einbezug des Austauschschülers, angemessene Aufenthaltsdauer). Besonders motiviert, sich auf einen kulturellen Austausch einzulassen, sind Schüler, deren Lehrpersonen ein besonderes Augenmerk auf einen Unterricht richten, wo die Verständigung im Zentrum steht. Ein Unterricht also, wie ihn auch Martina Krieg soeben auf www.schulinfozug.ch vorgestellt hat, siehe hier.



In der knappen Auseinandersetzung mit der Theorie legen Heinzmann und Schallhart auch dar, dass Kontakt zwar als ideales Mittel angesehen wird, «um interkulturelle Einstellungen und Kompetenzen sowie motivationale Dispositionen im positiven Sinne zu beeinflussen» (S. 8). Die Forschung habe jedoch auch gezeigt, dass Kontakt per se nicht ausreiche, um solche positiven Veränderungen zu bewirken (ebd.). Aus diesem Grund werden den erwähnten Rahmenbedingungen in der Folge viel Platz eingeräumt. Der Hinweis, dass Organisatoren von Sprachaufenthalten eine angemessene Aufenthaltsdauer sicherstellen sollen, fehlt nicht. Untermauert wird die Forderung durch die Feststellung, dass ein Aufenthalt von 1-2 Wochen mit Blick auf die Weiterentwicklung der Sprachlernmotivation nicht besonders gewinnbringend zu sein scheint.

Schnupperlehre

  • Schulreisen in die Romandie
  • Kurzaufenthalte
  • Aufenthalte mit gleichsprachigen Kollegen

Königsweg

  • Aufenthalte von längerer Dauer
  • Intensiver Sprachgebrauch während des Aufenthalts
  • Engagierte Gastfamilien

Königsweg nur für eine Minderheit
Die Zusammenstellung legt den Schluss nahe, dass der Königsweg auch in Zukunft nur von einer Minderheit der Schülerinnen und Schüler beschritten wird. Alle anderen Kontaktformen als "Feigenblatt" zu bezeichnen, ist allerdings auch nicht angemessen. Schliesslich ist und bleibt die Forschungslage dünn, so dass Zurückhaltung beim Urteilen in alle Richtungen angezeigt ist. Bestimmt ist "Schnupperlehre" die treffendere Bezeichnung als "Feigenblatt". Ein kürzerer Aufenthalt, dafür alleine, ist wertvoller als vier Wochen Sprachschule mit den gleichsprachigen Gspändli. Schliesslich können solche Sprachaufenthalte auch eine besondere Form der Begabtenförderung darstellen. Conditio sine qua non: Gute Gastfamilien.

Weiter zur Lehrperson
Wenn der Königsweg ein Weg für eine Minderheit der Schülerpopulation bleiben wird, dann müssen wir den Fluss weiter hinauf zur Lehrperson rudern. Der Schlüssel zum guten Französischunterricht liegt, comme toujours, bei der Lehrperson. Die Lehrperson und zumal die Primarlehrperson muss sich vielleicht nicht gerade wie ein Fisch im Wasser, aber doch mit grosser Sicherheit in der Sprache bewegen können. Das ist ohne lange und später auch einmal wiederholte Sprachaufenthalte nicht zu haben. Der Rest ist Didaktik.

Lehrperson als Mulitplikator
Aus der Volkswirtschaftslehre wissen wir, dass es sich ganz besonders lohnt, Mittel und Zeit dort zu investieren, wo der Multiplikatoreffekt am grössten ist. Dort, wo eben der Impuls am besten verstärkt wird. Lehrerinnen und Lehrer sind klassische Multiplikatoren. An der besagten Sitzung in Bern war zu vernehmen, dass Movetia die Mittel durchaus aufgrund von Forschungsergebnissen zuweisen will. Das Geld für Austausche soll also dorthin fliessen, wo die Wirkung am grössten ist. Auch das führt uns zu den Multiplikatoren. Es gibt zudem einige originelle Ansätze, wie wir solche Sprachaufenthalte eben als Sprachaustausche nicht ganz so teuer gestalten können. Zum Beispiel als Austauschsemester an einer französischsprachigen Pädagogischen Hochschule oder als Austauschprogramm für Lehrpersonen während der Intensivweiterbildung. Pourquoi pas?

Franchir le Roestigraben
Um derart ausgebildete und gebildete, kultur- und fremdsprachengewandte Lehrpersonen herum entfaltet sich das Französisch an den Schulen. Ich bin überzeugt, dass es solche Lehrerinnen und Lehrer sind, die Schulreisen und Klassenlager ganz natürlich ennet dem Röstigraben durchführen oder ihre Schülerinnen und Schüler für Alleingänge in die Romandie gewinnen können. So stimmen Aufwand und Ertrag.

* Lukas Fürrer ist Generalsekretär der Direktion für Bildung und Kultur des Kantons Zug.

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