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Der heilige Johannes vom LED-Licht

05.05.2017
Von Res Merz* Gegen Ende meiner Lehrerlaufbahn und nach mindestens zwei Dezennien als 5./6. Klasslehrer hatte ich die Chance erhalten, mich in meiner Schulgemeinde als eine Art „Troubleshooter" zu ...
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Von Res Merz*

Gegen Ende meiner Lehrerlaufbahn und nach mindestens zwei Dezennien als 5./6. Klasslehrer hatte ich die Chance erhalten, mich in meiner Schulgemeinde als eine Art „Troubleshooter" zu betätigen: Technisches Gestalten in mehreren Klassen, eine Abteilung für Hochbegabte und gleichzeitig integrative Förderperson für eher minderbegabte Kinder, wobei die meisten eigentlich gar nicht „minderbegabt", sondern einfach mit der deutschen Sprache überfordert waren. Jedenfalls eine echte Herausforderung, dies alles unter einen Hut zu kriegen, das kann ich heute rückblickend sagen.

Während meiner rund dreissig Lehrerjahre, ich kam als Quereinsteiger aus einem technischen Beruf, habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, inwieweit ich während eines zweijährigen Klassenzuges ein Kind im entwicklungspsychologisch bedingten Pubertätsalter überhaupt massgebend, ja vielleicht sogar etwas nachhaltig würde begleiten können. Meine Annahme, dass dies im Normalfall kaum der Fall sein würde,  traf dann auch auf viele Kinder zu: Für eine Mehrheit war ich wohl eher eine Durchlaufstelle, vermutlich mehr oder weniger akzeptiert, das schon, aber nicht unbedingt überlebenswichtig. Ein Durchlauferhitzer sozusagen. Für einige wenige war ich aber scheinbar doch etwas mehr. Von einem davon möchte ich erzählen.

Johannes – ein mir anbefohlener 5./6. Klässler im Technischen Gestalten – war beileibe nicht dumm, aber eben irgendwie anders. Das zeigte sich zum Beispiel darin, dass er während meiner TG-Einführungen selig vor sich hin lächelte und fünf Minuten später das fragte, was ich soeben erklärt hatte. Dabei wollte er alles so gut machen, dass er für alles dreimal so viel Zeit brauchte wie die anderen Kinder, um schlussendlich dennoch die elektrischen Anschlüsse zu vertauschen. Das LED-Licht war dann natürlich im Eimer. Und wenn ich methodisch und didaktisch absolut perfekt eine kindgerechte Vorlesung über den Neigungswinkel der beiden Flügelpaare eines kleinen Fluggleiters hielt, dann schaffte er es, den positiven Winkel in einen negativen umzuwandeln, was dem Flugverhalten seines Flugmodells zweifelsohne abträglich war.

So ging das zwei Jahre lang. Manchmal überstiegen solche Vorkommnisse die Schmerzgrenze seines Lehrers und der konnte sich die eine oder andere ironische Bemerkung beim besten Willen nicht mehr verkneifen. Purer Selbstschutz eben.

Johannes trug mir solche „Ausbrüche" jedoch nie nach. Er blieb stets freundlich zu seinem Lehrer und war auch der Erste, welcher mich in der Pause (selbstredend in Schriftsprache) anging und fragte, ob ich als Modellbauer vielleicht an Lipo-Akkus (Lithium Polymer Batterien) Interesse hätte. Er habe da eine Verbindung zum chinesischen Markt. Ich habe zugesagt und Johannes hat mir die gewünschten Akkus geliefert. Ein anderes Mal fragte er mich, ob ich vielleicht Kupferdrähte für ihn hätte. Natürlich hatte ich welche, Kupferdraht braucht ein TG-Lehrer immer. Ich habe ihm dann meinen ganzen Vorrat überlassen, als Gegengeschäft für die Akkus. Auf meine Frage, wofür er das viele Kupfer denn brauche, antwortete er: „Wissen Sie, ich sammle Kupfer und verkaufe es."

Mittlerweile ist besagter Johannes schon längst in der Abnehmerstufe und sein damaliger TG-Lehrer pensioniert. Eines Mittwochnachmittags läutete es an meiner Haustür. Und ich glaubte meinen Augen kaum: vor der Tür stand Johannes, zehn Kilometer geradelt, mit Helm natürlich, eigens für den Lehrer. Wir waren wohl beide vorerst etwas verunsichert und befangen. Bis zu diesem Zeitpunkt stand eigentlich noch nie ein Schüler vor meiner Tür. Nach einer Cola taute Johannes dann auf und kam, wie damals in Schriftsprache, auf sein Anliegen zu sprechen: er würde sich nächste Woche einen Roller kaufen und möchte diesen dann gerne gerade mit einem LED-Licht versehen. Er wisse aber nicht wie. Und weiter wisse er, dass dies nicht erlaubt sei. Er müsse die Beleuchtung, geplant sei ein Lauflicht, also im Falle einer Polizeikontrolle blitzschnell abschalten können.

Spätestens dann kamen dem Altlehrer die eigenen Jugenderfahrungen hoch und die damals aufgebohrten Vergaserdüsen. Dies würde, so klärte mich mein Exschüler auf, heute elektronisch passieren und zog dabei die entsprechende Leiterplatte aus der Tasche. In Sachen LED-Licht ging ich mit Johannes anschliessend nochmals die Reihen- und Parallelschaltung durch. Natürlich konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass wir das doch schon in der sechsten Klasse durchexerziert hätten.

Mit verschiedenen Leihgaben seines Altlehrers werkzeugtechnischer Art ausgestattet, verabschiedete sich Johannes alsdann, freundlich und cool wie immer. Vor ein paar Wochen hat mir Johannes das ausgeliehene Werkzeug zurückgebracht und mir voller Stolz seinen mit Lauflichtern versehenen Roller vorgeführt. Nach seinem Abschied hatte ich ein etwas wehmütiges Gefühl — als ehemaliger Lehrer und Töfflibub.

Auch wenn ich heute ob so mancher Entwicklung pädagogischer und bildungspolitischer Art nur noch den Kopf schüttle: Schüler wie den Johannes wird es immer geben. Ich bin froh darum. Ich glaube an die Jungen!

*Res Merz war vor seiner Pensionierung 2015 Lehrer in Goldau, SZ.

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