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Die Eierstunde – Ein Unterrichtssrapport

28.10.2016
Die Eierstunde – Ein Rapport Von Max Huwyler* Einladung zum Klassentreffen mit ehemaligen Schülern, 25 Jahre später. Die erste Schulstunde ist mir geblieben. Neue Erstsekler aus verschiedenen ...
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Die Eierstunde – Ein Rapport

Von Max Huwyler*

Einladung zum Klassentreffen mit ehemaligen Schülern, 25 Jahre später. Die erste Schulstunde ist mir geblieben. Neue Erstsekler aus verschiedenen Dörfern kamen in die zentrale Oberstufenschule. Sie kamen herein ins fremde Klassenzimmer zu einem fremden Mann, der ihr Lehrer sein wird. Als alle einen Platz hatten, bat ich sie, die Stühle nach vorne zu bringen, die Bänke zurückzuschieben, sich vorne in einen Kreis zu setzen.

Da sassen sie also, meine neuen Schülerinnen und Schüler. Und ich, ihr neuer Lehrer. Alle allen ausgesetzt. Alle eine erste Stunde und drei Jahre vor sich. Keine „Ansprache zum Schulbeginn". Ich griff in meine rechte Jackentasche, zog die Hand vorsichtig heraus, legte ein Ei in die Mitte des Kreises, ein weisses Hühnerei. Ging zurück zu meinem Stuhl, wartete. Die Kinder guckten aufs Ei, zu Kameraden, zu mir, aufs Ei. Sie wussten nicht so recht wie und was. Ich musste dann doch anschieben: „Da ist etwas." - „Das ist ein Ei", sagte ein Bub. Sein Nachbar lachte. Und ich: „Das ist eine interessante Situation: Hier liegt ein Ei. Jemand sagt: „Das ist ein Ei." Und jemand lacht, weil einer sagt: „Das ist ein Ei."" Ein Mädchen streckt: „Das sieht man doch, dass das ein Ei ist. Darum hat er gelacht." - Ich: „Es hat mich nicht gestört, dass er gelacht hat. Ich habe es nur festgestellt."

Ich nun konzeptionell zur Lage: „Also: Da liegt ein Ei. Zuerst sagt lange niemand etwas, dann sagt einer. ‚Das ist ein Ei.' Dann lacht einer. Dann erklärt jemand, warum der andere lacht. Und alle haben zugehört und alles mitbekommen. - Wir gehen von einem Gegenstand aus. Schauen und denken ein bisschen und sagen etwas dazu. Natürlich ist „Das ist ein Ei" eine sehr einfache Feststellung zu einem Ei, das vor uns liegt. Aber es braucht diesen ersten Satz. Er führt zur Sache, um die es geht. Wir machen jetzt weiter mit Sätzen, die euch zum Ei in den Sinn kommen. Es können ganz einfache Feststellungen sein, auch Vermutungen, auch Fragen."

Jetzt kommt's wie selbstverständlich: „Das Ei ist weiss." – „Das Ei liegt." - „Es ist kein Osterei." - „Man kann das Ei essen." – „Ich mag Spiegeleier." - „Hoffentlich ist es kein faules Ei." Die Kinder lachen. „Das Ei ist von einem Huhn, ein Huhnei." - „Hühnerei", korrigiert jemand. Ich: „Huhnei wäre eigentlich logischer." - „Das Ei ist eiförmig." - „Ist das Ei roh oder gekocht?" Die Frage zielt auf etwas nicht Sichtbares. Einer streckt deutlich. Er weiss, wie man das herausfinden kann, ohne das Ei aufzuschlagen. Er gibt dem Ei einen Dreh, tippt das Ei mit einem Finger kurz an: Das Ei dreht weiter. Für einige ist es eine Überraschung. Einer erklärt: „Wenn das Ei hart ist, stoppt das ganze Ei. Wenn das Innere flüssig ist, will es weiterdrehen. Das kann man mit dem Finger nicht bremsen." Das leuchtet ein. „Hast du das gewusst?" - „Nein." Er hatte es so überlegt. - Ich: „Dazu gibt es ein physikalisches Gesetz, das heisst Trägheitsgesetz. Was in Bewegung ist, will in Bewegung bleiben."

Nun Wortschatz: „Wie heissen die Sachen im Ei drin?" Die Hagelschnur kennt niemand. Ihren Zweck lässt sich durch Überlegung am aufgeschlagenen Ei erklären. Oder man schlägt im Lexikon nach. Über das hartgesottene Ei kamen wir zum Osterei, zum Osterbrauchtum mit dem Osterhasen und zur Fruchbarkeitssymbolik, zur Befruchtung und zum Überlebensdrang. Ein Bauernkind erzählte von ihrem Hahn und den Hühnern und was man da alles muss.

Alle hatten etwas gesagt, erklärt, erzählt, vermutet, gefragt. Die Regelung war wie selbstverständlich: Wer redet, hat Anrecht auf Aufmerksamkeit. Dann doch noch eine kleine Begrüssung und die Bemerkung, dass ich nach dieser ersten Stunde den Eindruck habe, dass das gut kommt. Die Schüler wünschten sich noch in der dritten Sek. hin und wieder eine Eierstunde zu irgend etwas. Jetzt laden sie als Ehemalige zum Klassentreffen.

Der Autor sucht:

„Tue de Chrage nochli abe" ist ein Liederheft mit Texten in Hochdeutsch und Mundart von Max Huwyler und Kompositionen von Mani Planzer. Hrsg.1985, Heft A4. Die Lieder, zum Teil Zuger Motiven, wurde verfasst auf Anregung der Erziehungsdirektion des Kantons Zug.
Die Sammlung vereinigt verschiedene Lied- und Sprechformen: Sprechkanon, Blues, den „Hildijodel", die „Lorzentobelbrugg" mit Klangbögen. Insgesamt sind es zehn Lieder. Die Schulen im Kanton Zug wurden mit Liederheften bedient. Es könnte sein, dass noch Exemplare in Lehrerzimmern, Musikschulen, Schulbüchereien zu finden sind. Ich danke um Hinweise. Max Huwyler, Grafenauweg 5, 6300 Zug. Mail:

 

*Max Huwyler wurde 1931 in Zug geboren. Er arbeitete bis zur Pensionierung als Sekundarlehrer. Neben Geschichten und Hörspielen hat er zahlreiche Theaterstücke für die Schulbühne und Texte für Radio DRS verfasst. Der Autor hat zudem Grass und Canetti in Mundart übersetzt sowie einige Lyrikbände veröffentlicht. Max Huwyler lebt heute in Zug. Magische Lesemomente bescheren bspw. seine Mundartgedichte: "Föönfäischter" Neuedition 2015, Zytturm Verlag; "De Wind hed gcheert" Neuedition 2015 Zytturm Verlag, die Bände sind in Zuger Buchhandlungen oder online erhältlich.

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