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Focusing: Bauchgefühl und Intellekt

06.05.2019
Beitrag von Donata Schoeller zum Thema Focusing

Focusing: Bauchgefühl und Intellekt auf der gleichen Wellenlänge

Focusing Lassalle Haus
Bild Legende:

Focusing ist eine Methode der inneren Aufmerksamkeit und Entschleunigung, um wieder in Tuchfühlung zu kommen mit dem Wahrnehmen einer Situation und dem körperlichen Erleben, das damit einhergeht. Diese Erlebensdimension macht den menschlichen Alltag reich und zugleich herausfordernd.

von Donata Schoeller*

«Unterrichtsbeginn Deutsch als Zweitsprache für junge Menschen in Berufsintegrationsklassen. Alle sitzen in einer U-Form an Tischen, packen aus, kleine Gespräche mit den Nachbarn in verschiedenen Sprachen. Es sind an die 17 Teilnehmende, junge Männer aus verschiedenen Ländern mit Fluchtgeschichte. Die Lehrperson steht am Lehrerpult, wartet, bis alle ankommen und sich die Aufmerksamkeit sortiert. Abdul sitzt ihr gegenüber an der Rückseite. Er sieht sie an und sagt: „Beim Mathetest gestern habe ich nichts geschrieben. Ich habe eine Abschiebung bekommen. Warum soll ich noch was machen." Die Lehrperson räuspert sich. Sie weiss nicht, was sie sagen soll. Die anderen Schüler werden unruhig, fangen schon kleine Gespräche an. Gleich hat sie die Aufmerksamkeit der Klasse verloren. Hilflos sagt sie: „Das tut mir sehr leid......" Dann wendet sie sich der Klasse zu, fühlt sich elend und kämpft den Rest der Stunde gegen die Unruhe im Klassenzimmer an.»

Wir alle kennen Situationen, wo wir uns im Nachhinein an den Kopf langen und denken – ach hätte ich bloss anders reagiert! Die Geschichte oben hätte sich nämlich auch ganz anders abspielen können.

«Die Lehrperson sieht die Augen, den Blick. Der Blickkontakt ist wie eine Linie durch den Raum zu ihr. Traurigkeit. Überforderung. Hilflosigkeit. Die Gedanken rasen im Kopf, was man selbst bereit wäre zu tun, um Schüler vor einer Abschiebung zu bewahren. Wie reagieren, diesem und zugleich allen anderen Schülern gerecht werden. Was antworten, was sagen, was tun. Sie atmet ein und aus und zoomt eine Millisekunde ihre Aufmerksamkeit auf sich, auf die Frage, was sie jetzt hier tun kann. Sie spürt ihr Herz und ihre eigene Überforderung, sie spürt seine Traurigkeit und hält den Blickkontakt. Sie fühlt in der ganzen Überforderung eines ganz deutlich: dass sie ihn hier und jetzt, in dieser Situation nicht allein lassen will.

Sie sagt einfach: „Du konntest beim Mathetest gar nichts schreiben, weil du solche Sorgen hast wegen deiner Abschiebung." Er nickt und spricht weiter, wie sinnlos es für ihn ist, wie schlecht er schlafen kann, dass er Angst hat. Sie gibt es wieder, versucht auch das Widersinnige klar zu benennen: „Du solltest lernen, aber mit der ganzen Angst kannst du dich gar nicht konzentrieren." Er hört zu. Sie sagt: „Das ist eine wirklich sehr schwierige Situation. Aber das was du lernst gehört dir. Und mit einer Sprache lernst du immer auch eine neue Welt kennen. Wir wissen einfach nicht wie es weitergeht und was kommt, aber das was du lernst, kann dir auch niemand und nichts mehr nehmen." Er nickt, es scheint „zu passen".

Andere Schüler melden sich zu Wort. Es beginnt ein Gespräch über Abschiebung, die Gründe, die Komplexität, die Ungerechtigkeit, die eigene Betroffenheit. Sehr starke, reflektierte Positionen, engagiert vertreten, trotz all der eigenen Unsicherheit. Die Lehrperson lässt alle zu Wort kommen. Organisiert die Reihenfolge, verweist darauf, einander aussprechen zu lassen. Gibt vereinzelt Gesagtes wieder. Versucht sicherzustellen: „Jeder darf sagen, was ihm wichtig ist. Es gibt hier kein richtig und falsch. Wenn es dir wichtig ist, dann ist es wichtig." Dann sagt ein Schüler ein bisschen genervt „jetzt lernen wir mal wieder." Die meisten nicken, kein Widerspruch. Die Lehrperson lacht, „Ok, lernen wir wieder". Sie sieht Abdul an, er nickt, sie gehen zum geplanten Unterricht über. Passivkonstruktionen, wie sie in Kochrezepten vorkommen. Die Beteiligung und Konzentration ist hoch.»

Focusing Lassalle-Haus
Bild Legende:

Die Stimmung aufnehmen

Was ist anders abgelaufen? Die Lehrperson hat die Stimmung aufgenommen, die existentielle Bedrohung körperlich nachempfinden können und diese in einfache Worte gefasst, die wiederspiegeln, was der Schüler fühlt. Schüler und Lehrperson reden nun nicht aneinander vorbei, denn die Lehrerin nimmt genau auf, um was es geht. Es hat sich ein verbindender Gesprächsraum gebildet, wenn auch nur kurz, in dem alle merken, hier wird kommuniziert, niemand gibt «von oben» Ratschläge oder Floskeln von sich wie «es kommt schon gut».

Im zweiten Beispiel ist die Lehrperson eine geübte Focuserin: Focusing ist eine Methode der inneren Aufmerksamkeit und Entschleunigung, um wieder in Tuchfühlung zu kommen mit dem Wahrnehmen einer Situation und dem körperlichen Erleben, das damit einhergeht. Diese Erlebensdimension macht den menschlichen Alltag reich und zugleich herausfordernd. Auf dieser Ebene versteht man die subtile Arbeit, die darin besteht, einer Situation „gerecht werden zu können".

Wir modernen Zeitgenossen in unseren vollgepackten und eiligen Alltagen haben häufig keine Tuchfühlung und kaum eine Ahnung davon, wie tief verankert und gefüllt von Zusammenhängen jeder erlebte Moment ist. Im Focusing lernt man, diesen Reichtum besser wahrzunehmen und dafür eine Sprache zu finden, die das Erlebte nicht beschneidet, sondern aufblühen lässt. Mit einer solchen Sprache können wir uns selbst und uns gegenseitig verständlicher werden. Jugendliche sind die ersten, die merken, ob Erwachsene in Tuchfühlung mit sich und einer Situation sprechen, und vor allem auch wirklich zuhören können.

Sich auf den Augenblick einlassen

Focusing kann als eine Art der westlichen Meditation bezeichnet werden, mit Wurzeln in der Philosophie und in der Psychologie. Während man in Meditationen gewöhnlich lernt, das Denken stillzulegen, ist Focusing eine Übung des Entfaltens und Zuhörens, wodurch wir uns selbst und uns gegenseitig näherkommen. Man lernt, sich auf die Lebendigkeit des Augenblicks einzulassen und auf all das, was dieser zu fühlen, zu bemerken und zu erkennen gibt. Dabei kommt man von selbst den grossen und kleinen Belangen auf die Spur, um die es einem geht. Mit dem Focusing wird der eigene Richtungssinn geschärft, und es werden zugleich erstaunliche und subtile Spielräume freigelegt.

Die Schritte des Focusings lehren, dass die gerichtete Aufmerksamkeit und die stimmige Formulierung komplexe Situationen, Themen oder Dilemmas sehr viel klarer machen können, als man sich vorstellen kann. Körperliches Empfinden, Gefühl und momentanes Erleben werden les- und ausbuchstabierbar, wobei sie als wertvolle und naheliegende Wegweiser zu entdecken sind. Kinder haben diese Ressource, verlieren sie aber durch eine kulturelle Umwelt, in der darauf nicht geachtet wird. Wenn Erziehungs- und Lehrpersonen es schaffen, die verkörperte Verankerung und Sensibilisierung für Situationen bei sich und den Schülern zu kultivieren, entsteht eine Stimmigkeit, die Lernvermögen, Konzentration, und auch den Mut, eigenständig zu denken, fördert. Genau das wird zurzeit in einem internationalen Forschungsprojekt zum Thema Embodied Critical Thinking untersucht, in dem das Focusing in der Forschung und Lehre integriert wird (vgl. Link: ect.hi.is).

*Dr. Donata Schoeller ist Philosophin und Focuserin. In München geboren, in der Schweiz und in Kanada aufgewachsen, erforscht sie die Möglichkeiten, wie Denken, Sprache, Erleben und Fühlen zusammenarbeiten. Sie hat eine besonderen Liebe zu den deutschen Mystikerinnen und Mystikern sowie grosses Interesse für die zeitgenössische Philosophie des Embodiments. Sie ist Privatdozentin an der Universität Koblenz, Gastdozentin an der Universität Island und Kursleiterin im Lassalle-Haus. In diesem Jahr bietet das Lassalle-Haus neu einen (Link:) Focusing-Jahreskurs an.
Das Lassalle-Haus (Bad Schönbrunn, am Weg nach Edlibach/Menzingen) setzt sich ein für eine friedvollere und gerechtere Welt. Es bietet Menschen Raum, sich in Stille zu finden und weckt die Leidenschaft für ein menschenwürdigeres und nachhaltiges Handeln.

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