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In Deutschland deutsch. In Schweizland schweiz

18.03.2015
[Hinweis der Redaktion: Max Huwyler tritt am Sonntag, 22. März, um 17 Uhr im Zuger Burgbachkeller auf. Hier gibt's mehr Infos .] Von Max Huwyler Das Kind hatte am Morgen eine Lektion für ...
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[Hinweis der Redaktion: Max Huwyler tritt am Sonntag, 22. März, um 17 Uhr im Zuger Burgbachkeller auf. Hier gibt's mehr Infos.]

Von Max Huwyler

Das Kind hatte am Morgen eine Lektion für fremdsprachige Kinder. Da lernte es einfache Sachen kennen und die Wörter dazu, Wörter und kleine Sätze: Guten Morgen. Guten Abend. Gute Nacht. Auf Wiedersehen, bitte und danke. „Bitte, darf ich ein Heft haben. – Danke, Frau Müller."

Müller heissen Leute in allen Ländern, wo man Mehl mahlt und wo es Mühlen gibt, die von Müllern betrieben werden. Der Müller mahlt Mehl. Der Bäcker backt Brot. Nur heissen Müller in anderen Ländern nicht Müller. Sie heissen dort so, wie man dem Müller in jenen Ländern sagt: Meunier, Mugnaio, Molinero, Miller. Good morning, mister Miller. Va bene, signora Molinero?

Das Kind lernte Körperteile benennen: Der Kopf, der Hals, die Brust, die Schulter, der Bauch, der Rücken, der Arm, die Hand und an der Hand die Finger und die Namen der Finger, das Bein, der Fuss, die Zehe. Und die Mehrzahl dazu: Köpfe, Hälse, Brüste, Schultern, Bäuche, Rücken, Arme, Hände, Finger, Beine, Füsse, Zehen. Das war dann aber schön schwierig. Warum heissen Schultern nicht Schültern und Arme nicht Ärme. Und warum heisst der Finger in der Mehrzahl einfach nur Finger? Und man sagt ein Finger – zehn Finger; eine Zehe, zehn Zehen. Und wenn es neuen Zehen sind, sind es dann nicht neuen Neunen?

Und es lernte Wörter, die sagen, wie man von einem Ort zu einem anderen Ort kommt. Menschen gehen, sie haben Beine. Fische schwimmen, sie haben Flossen. Vögel fliegen, sie haben Flügel. Schlangen schlängeln. Schlangen brauchen keine Beine, keine Flossen, keine Flügel.

Das Kind lernte Wörter kennen für die Sachen, die man im Bauch drin hat. Magen/Mägen, Niere/ Nieren, Leber/Lebern, Darm/Därme, Herz/Herzen, Lunge/Lungen.

Das Kind freute sich über jedes Wort, das es verstand. Und es konnte kleine Sätze schreiben: Das Herz ist fürs Blut. Das Herz pumpt Blut. Die Lunge ist für die Luft. Wir atmen Luft. Warum können denn überhaupt Wörter nicht in allen Sprachen gleich sein?


Nach der Sonderstunde ging das Kind in die Regelklasse. Die Lehrerin hiess tatsächlich Frau Müller. Sie war freundlich, das Kind durfte Wörter und kleine Sätzlein schreiben. Es schrieb: Das Herz pumpt Blut. Wir atmen mit der Lunge. Die Lehrerin lobte das Kind. „Das hast du schön gemacht. Das ist dir gut gelungen." – „Lungen?" Das Kind zeigte auf die Brust. „Lungen für Luft?" – „Nein, ‚gelungen' ist das Partizip von ‚gelingen'.

Die Lehrerin hatte Geduld, erklärte dem Kind die Sache von der Lunge: „Die Lunge ist das Organ zum Atmen. Wir haben eine Lunge, die Lunge hat zwei Lungenflügel, einen linken Flügel und einen rechten Flügel." – „Flügel?", staunte das Kind. „Vögel fliegen, sie haben Flügel." Die Lehrerin merkte, was für ein kluges Kind das war. „Sprache ist kompliziert. Was gleich tönt, meint nicht immer das Gleiche. „Im Singsaal steht auch ein Flügel", sagte verschmitzt die Banknachbarin, die interessiert zugehört hatte. „Nur ein Flügel? Kann ein Flügel allein fliegen?" – „Der Flügel im Singsaal ist ein grosses Klavier." Das Kind dachte ein bisschen nach. „Wenn es nur ein Flügel ist, warum sagt ihr dem nicht Flugel? Und warum sagt ihr den Lungen nicht Lüngen?" Dazu wusste die Banknachbarin nichts zu sagen. Auch Frau Müller sagte nichts. Sie hätte auch nicht Muller heissen wollen. „Du bist ein kluges Kind", sagte Frau Müller. „Du machst dir zu allem deine Gedanken." – „Bitte, Frau Müller." – „Was meinst du?" fragte Frau Müller. „Sie haben ‚danke' gesagt. Da gehört doch ‚bitte' dazu.

Aus: Max Huwyler, „Stimme werden – Gesicht zeigen - Ausgewählte Erzählungen", Free Pen Verlag. Bonn 2009. www.freepen-verlag.de

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