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Meine 17 Wörter — Sprache ist leichtes Gepäck

09.01.2018
Meine 17 Wörter — Sprache ist leichtes Gepäck Von Max Huwyler* Als der Prinz gelernt hatte, was am Hofe zu lernen war, sagte der Vater zu ihm: «Es ist Zeit, dass du das Leben kennenlernst. Geh ...
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Meine 17 Wörter — Sprache ist leichtes Gepäck

Von Max Huwyler*

Als der Prinz gelernt hatte, was am Hofe zu lernen war, sagte der Vater zu ihm: «Es ist Zeit, dass du das Leben kennenlernst. Geh in das Land jenseits der Berge, wo fremde Menschen leben und eine fremde Sprache sprechen. Meide die Fürstenhäuser, lebe bescheiden. Versuche, durchs Leben zu kommen wie ein Mann aus dem Volk.» — «Wie soll ich ehrlich durchs Leben kommen, wenn ich die Sprache jenes Volkes nicht kenne?», fragte der Sohn. «Geh zu deinem Lehrer, er kennt die Sprache und er wird dich beraten.»
«Lehr mich die Sprache des Volkes hinter den Bergen», sagte der Prinz zu seinem Lehrer. «Lehr mich so viele Wörter, wie ich brauche, um mich durchs Leben zu bringen. Die Sprache sei leichtes Gepäck, sagt mein Vater.»
«Da dein Vater wünscht, dass du mit wenigem zurechtkommst und nur so viel Gepäck mitnehmen sollst, wie du zu tragen vermagst, so soll auch dein Sprachschatz bescheiden sein. Denk dir siebzehn Wörter aus, die du zum Überleben zu benötigen glaubst. Wenn du die Wörter hast, dann komm zurück, ich will sie dir übersetzen, aufschreiben und vorsagen.» Der Prinz bedankte sich und ging. Der Prinz begann, an Wörter zu denken und staunte, dass es so viele sind. Es dauerte mehrere Wochen, bis der Prinz mit der Liste der siebzehn Wörter zu seinem Lehrer kam. Der Lehrer las. Der Prinz wartete. Es dauerte. «Du hast gut gewählt», sagte der Lehrer. Er übersetzte die Wörter, schrieb sie auf und sprach sie dem Prinzen vor. Der Prinz lernte die Wörter sprechen. Er bedankte sich und ging. Ging zum fremden Volk hinter den Bergen. Mit den 17 Wörten dabei.


Nachwort
Die Geschichte um die 17 Wörter machte den Weg ins Land jenseits der Berge. Das Volk erfasste eine Spiellust. Die Landesschule organisierte einen Wettbewerb. Der Pfarrer griff das Thema auf für die Weihnachtspredigt. Für die Landesbühne schrieb einer ein Theater um einen Streit zur Wörterwahl. Ein Maturand schrieb eine Maturaarbeit, ein Student eine Masterarbeit, eine Doktorandin eine Doktorarbeit zur feministischen Sicht der Wörterwahl , ein Professor eine Habilitationsschrift. Ein Maler malte Bildtafeln mit 17 Wörtern drauf. Ein Eisenplastiker setzte in einer Pyramide seine 17 Wörter aufeinander, zuoberst das ICH. Der Kunstkritiker zerriss das Wörterpyramidenwerk in 3000 Wörtern wegen des ICH als krönendes Wort. Das Fernsehen griff das Thema in Kultursendungen auf. Die Geschichte machte den Sprung über Landesgrenzen und Meere. Ein Autor nahm seinen 450seitigen Roman vom Markt. Ein Präsidentschaftskandidat eines Weltstaates setzte, inspiriert durch den Eisenplastiker, 17 ICHs in eine Wahlkampfrede. Der Autor wurde zu Lesungen und Kongressen eingeladen. Er lehnte ab. Er habe eine Geschichte geschrieben, sonst nichts.

*Max Huwyler wurde 1931 in Zug geboren. Er arbeitete bis zur Pensionierung als Sekundarlehrer. Neben Geschichten und Hörspielen hat er zahlreiche Theaterstücke für die Schulbühne und Texte für Radio DRS verfasst. Der Autor hat zudem Grass und Canetti in Mundart übersetzt sowie einige Lyrikbände veröffentlicht. Max Huwyler lebt heute in Zug. Magische Lesemomente bescheren bspw. seine Mundartgedichte: "Föönfäischter" Neuedition 2015, Zytturm Verlag; "De Wind hed gcheert" Neuedition 2015 Zytturm Verlag, die Bände sind in Zuger Buchhandlungen oder online erhältlich.

 

 

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