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Signale ernst nehmen – und darüber reden!

07.11.2018
Signale des Körpers und der Seele ernst nehmen – und darüber reden! Der Lehrberuf kann nicht in einem einheitlichen 8-Stunden-Tag ausgeübt werden. Der normale Arbeitsalltag wird immer wieder durch ...
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Signale des Körpers und der Seele ernst nehmen – und darüber reden!

Der Lehrberuf kann nicht in einem einheitlichen 8-Stunden-Tag ausgeübt werden. Der normale Arbeitsalltag wird immer wieder durch Unvorhergesehenes gesprengt. Belastungsgrenzen sind individuell, umso wichtiger ist eine offene Feedbackkultur im System. Führungspersonen nehmen dabei eine wichtige, unterstützende Rolle ein.

Von Christine Hofer*

Immer wieder werde ich als Leiterin der Beratungsstelle von Schulen eingeladen, um einen Input zum Thema Gesundheit und Burnout-Prävention zu geben. Das können zwar durchaus sinnvolle Impulse sein – doch Nachhaltigkeit wird selten durch punktuelle Referate gesichert, sondern viel mehr durch Beobachtungen und Justierungen im Micromanagement des Alltagsgeschäfts. Genaues Hinschauen ist gefragt und da eignen sich Coaching-Prozesse, die themenfokussiert auf die jeweilige Organisation oder einzelne Mitarbeitende zugeschnitten sind, in der Regel besser als allgemein gehaltene Referate.

Micromanagement – was heisst das?
Einerseits betrifft dies das sogenannte Selbstmanagement der einzelnen Mitarbeitenden auf allen Ebenen des Systems. Ich kann als Individuum sehr vieles tun für meine eigene Gesundheit: von Achtsamkeitstraining, Meditation bis zu Wellness, Time-out etc. Mittlerweile gibt es auch mehrere sogenannte Stress- oder Health-Apps, mit deren Hilfe ich im Alltag meine Beobachtungen festhalten kann und Vorschläge zur Entspannung und zum Ausgleich erhalte.
Doch meine Rolle als Mitarbeitende ist nicht losgelöst vom System, sie wird in einem wechselwirkenden Prozess zwischen Individuum und Organisation täglich neugestaltet. Auch aus soziologischer Sicht ein spannender Prozess in einem konventionell hierarchisch angelegten asymmetrischen Beziehungskontrakt.

Hohe Volatilität im Berufsalltag belastet
Wenn ich mich in einer Firma anstellen lasse, erhalte ich eine Stellenbeschreibung mit meinen Aufgabenfeldern. Ich gehe einen Arbeitsvertrag ein, der mir sagt, was und wieviel ich zu tun habe, und was ich dafür erhalte. Doch so einfach ist es im Bildungsbereich nicht! Der Lehrberuf ist ein höchst anspruchsvoller komplexer Beruf, der mit hohen Idealen einhergeht und meinen Einsatz als GANZEN Menschen verlangt. Es ist ein professioneller Beziehungsberuf, der nicht in einem einheitlichen 8-Stunden-Tag und einer 42-Stundenwoche erledigt werden kann. Da gibt es eine hohe Volatilität im Berufsalltag und über den Jahresverlauf gesehen wird der normale Arbeitsrahmen durch zusätzliche Elterngespräche, Arbeits-, Projektsitzungen immer wieder gesprengt.

Aber dafür habe ich ja 14 Wochen Ferien, wo ist also das Problem? Es kann darin liegen, dass der Körper und das mentale/psychische System plötzlich streikt, den Ausgleich und die Entspannung nicht mehr länger vor sich herschieben kann, wenn die Zusatzbelastung chronisch wird. Erschöpfte Bildungsfachleute machen im Coaching-Erstgespräch oftmals einen atemlosen, hyperventilierenden Eindruck. Es scheint, als würden sie dauernd nur noch einatmen und das Ausatmen auf das Wochenende oder die Ferien verschieben.
Ratschläge wie: «Du musst um 17 Uhr nach Hause gehen und endlich einen Schlussstrich ziehen», bringen erfahrungsgemäss nicht viel, denn es sind oft menschlich/psychisch belastende und herausfordernde Situationen mit Kindern, Eltern, Kolleg/innen, Chef/innen ..., die das mentale System weiter beanspruchen – auch zu Hause.

Deshalb ist hier das Micromanagement auf der Führungsebene von grosser Bedeutung oder: Können wir als Führungspersonen/Schulführungsgremien Burnouts verhindern?

Führungspersonen haben ja eigentlich genuin ein hohes Interesse an der Gesunderhaltung ihrer Mitarbeitenden, zum einen wegen ihrer Fürsorgepflicht als Arbeitgeber und Vorgesetzte, zum anderen aus Sicht der Schulqualität; denn Lehrpersonen sind immer als GANZE Menschen im Geschäft. Angeschlagene, ausgebrannte Lehrpersonen können keinen hochstehenden Unterricht gestalten. Die Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler leiden darunter, das zeigen neuere Studien. Es lohnt sich also, genau hin zu sehen.

 

Erschöpfungszustand eingestehen
Dazu kommt ein allgemeines Phänomen bei Erschöpfungszuständen: Die Betroffenen schätzen ihre Situation über längere Zeit nicht adäquat ein, überschätzen sich, beschwichtigen. Immer wieder zeigen konkrete Fallstudien, dass sich erst durch das hartnäckige Rückfragen und Nachhaken des Umfelds (Führung, Kollegium) die Erkenntnis durchsetzt, dass es so nicht mehr weitergehen kann.
Dieses lange Schweigen und Ausharren hat verschiedene Ursachen. Eine davon ist: SCHAM. Ich schäme mich meiner Schwäche, meiner Verletzlichkeit, und damit schäme ich mich eigentlich meiner eigenen Menschlichkeit – denn zum Menschsein gehören Schwäche und Verletzlichkeit naturgemäss dazu!
Der Lehrberuf als «Bühnenberuf» stellt eine weitere Hürde dar: Es ist eine Vielzahl von Menschen betroffen, wenn ich krankheitshalber ausfalle – die Schulkinder, die Eltern, die Kolleg/innen, etc. Wenn ich krank bin, setze ich damit ein ganzes System in Bewegung, ich verursache einen beträchtlichen Mehraufwand. Ich überlege mir also doppelt und dreifach, ob ich das dem System antun oder ob ich mich nicht doch noch bis zum Wochenende oder den Ferien durchschleppen will.

Diese Hemmschwelle ist bei Lehrpersonen ohnehin schon gross bei «normalen» Krankheiten wie Grippe, Erkältung etc. Umso grösser wird sie im Bereich von mentalen, psychischen Krankheiten wie Überlastungs- und Erschöpfungssyndromen, die nicht immer mit einem klar diagnostizierbaren physischen Symptom einhergehen.

Die Loyalitäts-Prioritätenliste von engagierten Bildungsfachleuten ist deshalb meistens lang:

  • Meine Klasse, meine Schüler/innen (gerade die herausfordernden brauchen MICH und keine Stellvertretung!)
  • Die Eltern der Kinder
  • Die Kolleg/innen
  • Die Schulleitung
  • Spezifische Projekte
  • Der Schulstoff
  • Private (finanzielle und familiäre) Verpflichtungen
  • ...
  • ...
  • Und ganz am Schluss: ICH UND MEIN KÖRPER, MEINE GESUNDHEIT!

Hier haben Führungspersonen eine nicht zu unterschätzende Rolle und Aufgabe! Eine «gesunde und resiliente (also elastische) Organisation» und deren Führungskräfte wissen um das zutiefst menschliche Sein, kennen die Polaritäten, die wie Tag und Nacht, Sommer und Winter, Einatmen und Ausatmen, Anspannung und Entspannung zum Leben gehören! Sie blenden diese «Nachtseiten» des Menschseins nicht aus, sondern schauen genau hin, hören achtsam zu, gehen in einen echten zwischenmenschlichen Dialog (ohne vorstrukturiertes MAG-Formular) und ermutigen und beruhigen die Menschen, die gerade durch ein Wellental schreiten, dahingehend, als sie aufzeigen, dass die Organisation flexibel und agil genug ist, um eine solche Phase aufzufangen.

Und dann dürfen auch Tränen einfach mal sein... Niemand muss sich dafür schämen!

Und nein: Führungskräfte können Burnouts nicht verhindern, sie sind weder Hellseherinnen noch Zauberkünstler. Aber sie können Frühwarnsysteme (auch im Kollegium) einrichten, diffuse Signale wahrnehmen, ansprechen, nachhaken und als Mitmenschen begleitend eine ermutigende und unterstützende Feedbackkultur aufbauen, die das Sprechen über Grenzen und Schwächen etwas leichter macht. Der wichtigste Beitrag dazu: Sie bewegen sich (trotz der asymmetrischen hierarchischen Führungsbeziehung) mit den Mitarbeitenden auf Augenhöhe und zeigen sich selber auch als GANZE Menschen!

*Christine Hofer, Dr. phil., Leiterin der Beratungsstelle für Bildungsfachleute der PH Zug
Mehr Informationen zum Thema finden Interessierte in der (Link:) Broschüre «Burnout in der Schule».

 

Beratungsangebot
Die Beratungsstelle für Bildungsfachleute der Pädagogischen Hochschule Zug bietet prozessorientierte Begleitungen an – sowohl in pädagogischen, psychologischen Belangen wie auch in Fragen des Managements, der Zusammenarbeit und der Personalentwicklung.
Mehr Infos und Kontakt (Link:): beratung.phzg.ch

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