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Zen: Eigen und manchmal gar nicht mehr artig

25.08.2015
Der Autor hat unzählige Stunden in Schulstuben verbracht – als Schüler, als Student, später als reformierter Pfarrer und Lehrer. Doch erst heute, mit 55 hat er den Eindruck, das Lernen beginne erst ...
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Der Autor hat unzählige Stunden in Schulstuben verbracht – als Schüler, als Student, später als reformierter Pfarrer und Lehrer. Doch erst heute, mit 55 hat er den Eindruck, das Lernen beginne erst richtig. Einsichten eines Zen-Meditierenden und seit 2009 auch Zen-Lehrers im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn.

Von Marcel Steiner*

Ich habe zehn Jahre als Pfarrer in einer Berggemeinde gearbeitet; meine Aufgabe war dabei auch, auf verschiedenen Stufen zu unterrichten. Parallel dazu habe ich intensiv Zen-Meditation geübt und wurde nach vielen Jahren des Trainings Zen-Lehrer. So bin ich im Grunde genommen fast ein Leben lang zur Schule gegangen – und heute als Zen-Lehrer habe ich den Eindruck, jetzt beginne das Lernen erst richtig.

Während ich die Schul- und Studienzeit eher als „learning by knowing" erlebt und erlitten habe, war die Zen-Übung ein „learning by doing" respektive „learning by sitting" im wahrsten Sinne des Wortes. Wälzte ich im Verlauf meiner Schulzeit schier unendlich Bücher und brütete über Regeln und Tabellen, bremste mich mein Zen-Meister entschieden, wenn ich mich zu sehr für Zen-Literatur begeisterte. Erfahrung, nicht Wissen – darauf sollte ich mich einlassen.

In der Zen-Übung geht es um die Einübung eines Weges, der, um es in eigenen Worten auszudrücken, vom „Machen wollen" zum „Geschehen lassen" führt. Dies aus dem tiefen Vertrauen heraus, dass nichts von aussen in den Menschen hineinkommen muss. Vielmehr geht es darum, zur Entfaltung zu bringen, was im Menschen wie als Same angelegt ist. Ich möchte Menschen ermutigen und ermächtigen, zu ihrem ureigensten Ausdruck zu finden. Dass wir dabei nicht nur unsere Einzigartigkeit entdecken, sondern gelegentlich auch unsere Eigenartigkeit, gehört mit zum Programm – und manchmal auch, dass wir nur noch eigen und gar nicht mehr artig sind.

Stilles Sitzen – so unscheinbar, so wirkungsvoll
Es ist eine Einübung und Ermächtigung, zu dem zu finden, was wir im tiefsten sind: Wesen, die immer in tiefster Verbundenheit und Beziehung mit allen und allem stehen. In der Begegnung mit meinem Lehrer und Zen-Meister Niklaus Brantschen erlebte ich dies als eine wohltuende, Vertrauen schaffende Präsenz, ein Ernstgenommen- und Angenommensein über alle Fähigkeiten und Schwächen hinaus bis in die tiefsten Abgründe hinein. Ihm ging es weniger um ein Vermitteln von Dingen, als vielmehr um eine Einladung und Aufforderung, das zu entdecken, was in mir und der Welt angelegt ist. Dazu zu stehen, sich daran zu freuen und es fruchtbar werden zu lassen in Situationen, mit denen ich konfrontiert bin und für Menschen, die mir anvertraut sind, ist eine grosse Bereicherung.

Die Grundübung besteht im stillen Sitzen, in einer Haltung, die es erlaubt, ganz wach da zu sein, in der Fokussierung auf den Atemfluss. So unscheinbar und unspektakulär diese Art der Übung auch scheinen mag, ihre Früchte sind zahlreich: von körperlichen Heilungsprozessen über psychische Stabilität bis hin zu tiefen Erfahrungen in Bezug auf das, was ein gutes Leben ausmacht. Wir sind, wie es das Englische schön sagt, eben nicht nur „human doings", sondern „human beings" – nicht nur handelnde, sondern seiende Wesen. So können wir Lebenssinn vor allem Tun erfahren und daraus handeln.

In meiner konkreten Situation als Lehrer in der Schule und heute auch mit Menschen, die sich mir auf dem Zen-Weg anvertrauen, zeigt sich diese Haltung. Ich will mit ihnen zusammen entdecken, worin die Gaben und Aufgaben jedes einzelnen bestehen und wie sie sich bei jedem einzelnen konkret ausdrücken lassen – ein Gegenkonzept vom Versuch, Menschen „abzuschneiden" oder kleinzumachen. Es geht um das Vertrauen in das, was das Gegenüber ist – und immer mehr werden kann.

Auch sich selber mitfühlend begegnen
Ich glaube, dass diese Grundhaltung ganz entscheidend ist, unabhängig von den zu vermittelnden Inhalten. Sie kann wesentlich dazu beitragen, dass Lernen wieder als Freude erfahren wird und nicht als ein Mittel zu einem bestimmten Ziel oder Titel oder Beruf. Das Lernen selbst als immer weiterführender Prozess ist Sinn und Freude – und nicht erst das Erreichen einer bestimmten Stufe oder eines Abschlusses. Einer der grossen Meister der Zen-Tradition, ein Mönch mit Namen Dogen, erkannte nach vielen Jahren der Übung und auch des intellektuellen Studierens: „Jetzt habe ich erkannt, dass ich den Weg immer weiter gehen kann." Das Ziel ist der Weg, auf dem Weg zu bleiben, selber Weg zu werden und Wegbegleiter. Das Wesentliche ist in uns angelegt und kann sich in der Beziehung zu einem guten Lehrer, einer guten Lehrerin immer klarer entfalten.

Natürlich waren dabei die Worte und Hinweise meines Zen-Lehrers von grosser Bedeutung. Noch wesentlicher erscheint mir die Befähigung, den eigenen Impulsen, dem eigenen Lebensfluss zu trauen – schlicht ermächtig zu werden, immer mehr der Mensch zu werden, der in mir angelegt ist. In der jüdisch-chassidischen Tradition heisst es, dass mit jedem Menschen etwas Einzigartiges in die Welt kommt. In einer Geschichte ausgedrückt: „Rabbi Sussja sagte: Im Himmel wird man mich nicht fragen, warum bist du nicht wie Mose gewesen, sondern, warum bist du nicht Sussja gewesen?"


Diese Ermutigung, durch das Sitzen in Stille zu sich zu stehen, mit sich gehen zu lernen, sich nicht aus dem Herzen zu entlassen, sondern sich und der Welt mitfühlender zu begegnen, das ist eine der Wirkungen der Zen-Übung, zu der auch die regelmässige Begegnung mit dem Lehrer, der Lehrerin gehört. Viele Menschen, die sich auf diesen Weg einlassen, kommen unter anderem aus dem Umfeld der Schule und Therapie. Präsentsein ist für Menschen in begleitenden, helfenden und führenden Berufen eine der fundamentalen Qualitäten. Dieses Präsentsein wird auf dem Zen-Weg geübt und kontinuierlich vertieft.

Wer mit diesem Weg in Kontakt kommen möchte, tut gut daran, nicht nur darüber zu lesen, sondern sich dabei begleiten zu lassen, als ersten Schritt etwa eine Einführung in die Zen-Meditation zu besuchen.

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