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«Der ideale Lehrer ist ein guter Mensch»

In der Zuger Presse vom 17. August 2016 erschien ein ausführliches Interview mit Regierungsrat Stephan Schleiss. Das Gespräch dreht sich um die aktuelle Zuger Bildungspolitik. Wie der ...
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In der Zuger Presse vom 17. August 2016 erschien ein ausführliches Interview mit Regierungsrat Stephan Schleiss. Das Gespräch dreht sich um die aktuelle Zuger Bildungspolitik. Wie der Titel zeigt, beantwortete der Bildungsdirektor auch pädagogische Fragen. Aus diesem Grund verzichten wir an dieser Stelle auf einen eigenen Beitrag zum Schuljahresbeginn und gestatten uns den Hinweis auf diesen Text, der in unseren Augen bestens zum Start ins neue Schuljahr passt.

Lukas Fürrer, Redaktor

Stephan Schleiss, Sie sind bekannt dafür, eher für Konstanz im Bildungswesen sorgen zu wollen, als ständig weitere Reformen anzureissen. Wie wägt man ab zwischen notwendigen Reformen und Aktionismus?
Ich muss ein bisschen zurückblicken. Mitter der 90er-Jahre wurden zahlreiche Reformen angestossen. Ab dem Jahr 2000 kamen die Pisa-Studien dazu, die den Reformen zusätzliches politisches Terrain bereiteten. Im Unterricht hat sich gleichzeitig und im Zusammenhang mit der Integration ein Trend zur Individualisierung herausgebildet. Im Resultat wurden unsere Schulen über 15 Jahre stark reformiert.

Worauf legen Sie den Fokus?
Alles Lernen ist Beziehungsgeschehen. Im Zentrum steht das Wohlergehen des Kindes, die Beziehung zwischen Lehrperson und Kind. Ganz wichtig ist auch das Lernen in der Gemeinschaft. Das ist das Gegenteil zur Individualisierung. Ich lenke die Ressourcen lieber in Personen als in Projekte. Ein Bildungsfranken ist dann effizient eingesetzt, wenn er in das menschliche und fachliche Können der Lehrperson investiert wird.

Wer ist der ideale Lehrer?
Der ideale Lehrer ist ein guter Mensch. Einer, der sich auf die Schülerinnen und Schüler einlässt, sich ehrlich für sie interessiert. Einer, der mit der Klasse lacht - am lautesten über sich selber. Er bringt Anstand und Fairness mit. Er darf nicht einfach «nur Fachdidaktiker» sein. Und noch einmal ganz wichtig: Er muss eine Beziehung zum Kind aufbauen.

Das hätte ich mir in meiner Schulzeit gewünscht, leider war das nur selten so. Wie finden Sie solche Wunderlehrer?
Indem wir die Gemeinden in die Lage versetzen, gute Arbeitgeber zu sein. Die Anstellung der Lehrpersonen liegt ja in der Verantwortung des Rektors. Das scheint mir hier im Kanton Zug sehr gut zu funktionieren, auf Schulbesuch sehe ich in der Regel hoch motivierte, tolle Lehrpersonen. Nach der Anstellung müssen die Schulleiterinnen und Schulleiter die wichtigste Führungsaufgabe in der Schule wahrnehmen: die menschliche und fachliche Entwicklung der Lehrpersonen.

Welche Reformen stehen an im Kanton Zug?
Vieles konnte in den letzten Jahren abgeschlossen werden. Pendent ist neben der Änderung im neunten Schuljahr vor allem der Lehrplan 21. Dort ist der Stand der Dinge, dass der Regierungsrat seine Bewilligung erteilt, aber ein relativ enges Korsett gezogen hat. So hat der Bildungsrat den Einführungstermin etwas nach hinten verschoben. Während der Lehrplan 21 im Schuljahr 2017/18 in der Zentralschweiz eingeführt wird, werden wir hier in Zug erst 2019/20 mitmachen. Dafür können wir von den ersten Erfahrungen profitieren.

Was sind die Hauptziele?
Die schweizweite Harmonisierung der Abschlüsse der einzelnen Stufen und die Kompetenzorientierung. Das heisst, Wissen soll man auch anwenden können. Wobei: Diese Forderung hat es immer schon gegeben. Doch jetzt macht man die Schule flächendeckend vermessbar. Da muss man aufpassen, dass man die Vermessensarbeit nicht zum Selbstzweck werden lässt. Bald verabschiedet der Bildungsrat die neue Wochenstundentafel. Das ist eine kritische Phase, in der man die Akzeptanz der beteiligten Personen finden muss. Wir werden dazu eine Vernehmlassung durchführen.

Viele Reformen, nicht alle tragen Sie mit. Wie gehen Sie da vor?
Das Fuder darf nicht überladen werden. Bei grossen Reformpaketen gibt es drei Methoden: erstens den Abbruch. Das habe ich bei der Innovationsschule gemacht. Zweitens: fokussieren, eingrenzen, reduzieren. So haben wir das bei der Reform Sek I plus gemacht. Und drittens: Ruhe hineinbringen. Zum Beispiel die Einführungsfrist wie beim Lehrplan 21 strecken. Damit werden Ressourcen geschont. Das bringt auch eine hohe Kosteneffizienz.

Das ist ein offenes Wort. Anderen Behörden in anderen Ländern würde man Verschleppungstaktik vorwerfen.
Das sind sehr bewusste Entscheide. Das ist politischer Wille. Für diese Vorgehensweise, im Bemühen Ruhe in die Bildungspolitik zu bringen, bin ich vor Jahren bei der Erziehungsdirektorenkonferenz noch schief angeschaut worden. Mittlerweile konnten wir Ruhe im System etablieren. Wichtig ist dabei aber auch, dass wir die bisherigen Reformen sauber aufgegleist haben und sauber weiterführen werden. Nur: Die Reformprojekte sollen sich nicht dauernd überholen. Man kann nicht permanent etwas Neues aufbauen und dann gleich wieder etwas anderes anpacken. Inzwischen ist das Konsens bei der Erziehungsdirektorenkonferenz.

Es gibt aufgrund der Flüchtlingskrise noch ein aktuelles Thema. Das sind die Integrationsklassen. Was haben Sie da vor?
In diesem Bereich sehen wir drei Problemfelder. Die gemeindlichen Schulen klagen über den fehlenden Vorlauf. Es gibt zum Teil sehr kurze Verweildauern von Kindern in der Durchgangsstation. Wegen der integrativen Schule hat man in den Gemeinden zum Teil keine separativen Strukturen mehr. Noch in den 90er-Jahren gab es flächendeckend solche Kleinklassen. Zudem sind die Gemeinden unterschiedlich betroffen. Einige haben kaum Flüchtlingskinder, ander eher mehr. Darum sollen die Gemeinden solidarisch nach einem bestimmten Schlüssel bezahlen, und eine oder mehrere Gemeinden richten Integrationsklassen für Flüchtlingskinder ein. Idealerweise an einem Ort. Dort werden sie so lange unterrichtet, bis sie einer Regelschule mithalten können.

Wie viele Kinder sind davon betroffen?
Das ist kaum prognostizierbar. 2015 kamen im Jahresverlauf etwas 40 Kinder im Volksschulalter über die «Asylschiene» in den Kanton Zug. 6 davon sind als Flüchtlinge hier angekommen, 34 im Rahmen des Familiennachzugs. Das ist insofern brisant, als dass aufgrund der aktuellen Flüchtlingszahlen in den nächsten Jahren sehr viel mehr werden können. Die Kinder aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich im Primarschulalter sollen künftig im ersten Jahr in Kleinklassen von 10 bis 14 Personen unterrichtet werden. Vor und nach der Primarschule wollen wir auf die bereits bestehenden, tragfähigen Strukturen in Gemeinden und Kanton aufbauen.

Alles organisiert also im Kanton Zug?
Das Konzept steht, als nächstes muss der Kantonsrat entscheiden. Was mir wichtig ist: Hier in Zug reissen sich Behörden und Zivilgesellschaft ein Bein aus, damit das gut läuft. Aber das Problem muss auf Bundesebene angegangen werden. Die Konzentration auf die Organisation darf nicht davon ablenken, dass auf strategischer Stufe wichtige Antworten ausbleiben. Ich finde die Schweiz sollte wie Deutschland den Familiennachzug einschränken. Auch im Umgang mit Flüchtlingen aus Eritrea müssen wir strenger werden, daran führt in meinen Augen kein Weg vorbei.

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