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Matura und Quote — drei Blickwinkel

21.10.2015
Das Thema «Matura und Quote» bleibt im Kanton Zug aktuell. Dazu folgen an dieser Stelle nach einer Einleitung zur Haltung der Zuger Regierung zwei Beiträge bzw. Blickwinkel aufs Thema. Ein ...
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Das Thema «Matura und Quote» bleibt im Kanton Zug aktuell. Dazu folgen an dieser Stelle nach einer Einleitung zur Haltung der Zuger Regierung zwei Beiträge bzw. Blickwinkel aufs Thema. Ein Leserbrief von Jeannette Baumann sowie ein Interview mit Rudolf Strahm. Beide Beiträge erschienen in der Neuen Zuger Zeitung. Der Abdruck erfolgt mit Genehmigung der Redaktion, der Abdruck des Leserbriefs zusätzlich mit Genehmigung der Autorin.

Von Lukas Fürrer

Der Zuger Regierungsrat will die Quote der gymnasialen Maturität nicht per se senken. Er will aber auch nicht, dass immer mehr Kinder nach der Primarschule direkt ans Langzeitgymnasium wechseln. Dieser Trend gefährdet in den Augen der Regierung den Weg über die Oberstufen der gemeindlichen Schulen und damit auch den Weg an die Fachhochschulen bspw. via Berufsbildung und Berufsmatura oder via Fachmatura. Wer von der Maturaquote spricht, muss korrekterweise gymnasiale Matura, Fachmatura und Berufsmatura zusammenzählen. Hier ist der Kanton Zug top und will es bleiben.

Konkret geht es in Zug um eine Stabilisierung der Eintrittsquote ans Langzeitgymnasium. Diese Quote stieg in den letzten Jahren stetig an. Ein weiteres Augenmerk gilt den Unterschieden zwischen den Gemeinden und den teils erheblichen jährlichen Schwankungen, was die Zuweisungen ans Langzeitgymnasium je Gemeinde anbelangt.

Ein herzlicher Dank geht an die Neue Luzerner bzw. Neue Zuger Zeitung für die Publikationsgenehmigung.

«Sparen auf dem Buckel der Maturanden», Leserbrief von Jeannette Baumann, Neue Zuger Zeitung vom 21.10.2015

«Zu den Plänen, die Zuger Maturitätsquote zu senken

Im Kanton Zug soll die Maturitätsquote von derzeit (2014) 22,1 Prozent auf den Schweizer Durchschnitt von 20,2 Prozent gesenkt werden. Allein für den diesjährigen Abschlussjahrgang der Kantonsschule Zug würde dies bedeuten, dass von den 218 erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen 19 die gymnasiale Maturität nicht hätten abschliessen dürfen. Sieht so eine sinnvolle und nachhaltige Bildungspolitik für die Schweiz aus?

Nein, aus folgenden Gründen:

1. Diese 19 Maturi und Maturae haben aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten und ihrer Leistungsbereitschaft die Maturität ehrlich und redlich verdient.

2. Eine Durchschnittszahl entsteht durch Zahlen, die über und unter diesem Durchschnitt liegen. Dass der Kanton Zug eine gymnasiale Maturitätsquote aufweist, die über dem Schweizer Durchschnitt liegt, ist richtig und begründet, verfügen wir doch über eine Bevölkerung mit einem ausgesprochen hohen, weit über dem Schweizer Durchschnitt liegenden Bildungsniveau.

3. Mit der Beschränkung der gymnasialen Maturitätsquote auf den Schweizer Durchschnitt will der Regierungsrat einerseits sparen und andererseits die Sekundarschule und die ­duale Bildung stärken. Eine liberale Bildungspolitik aber sieht anders aus. Sie schafft Anreize mittels attraktiver Angebote und reguliert nicht über fragwürdige, staatlich fixierte Zuweisungsquoten.

4. Das prüfungsfreie Zuger Übertrittsverfahren von der Primarschule in die Sekundarstufe I hat sich dank kompetent und verantwortungsvoll zuweisenden Lehrpersonen seit Jahrzehnten bewährt. Wie anders liesse sich sonst der Entscheid des Regierungsrates vor drei Jahren erklären, dieses Verfahren auch auf den Übertritt von der Sekundarstufe II in die weiterführenden Schulen zu übertragen.

5. Es geht nicht darum, gymnasiale und duale Bildung gegeneinander auszuspielen. Vielmehr muss es das ­primäre Ziel der Bildungspolitik sein, jede Schülerin und jeden Schüler entsprechend den Fähigkeiten und Interessen zu fördern. Nur so kann der Jugendliche gezielt, umfassend und bestmöglichst geschult werden und die geforderten Leistungen entsprechend motiviert erbringen. Das ist nicht nur für den Schüler der beste, sondern auch für die Gesellschaft der billigste und erfolgreichste Weg.

6. Die Schweiz hat eine höchst wissensbasierte, innovative und kompetitive Wirtschaft. Diese verlangt nach bestens qualifizierten Arbeitskräften und verlagert einfache Arbeitsvorgänge ins Ausland. Die Akademikerquote unter den zugewanderten Arbeitnehmern ist stetig gestiegen und liegt inzwischen bei knapp 60 Prozent. Der Anteil der Fach- und Hochschulabsolventen ist damit fast doppelt so hoch wie unter Schweizern. Damit nimmt die Schweiz international eine Spitzenstellung beim Qualifikationsniveau der Zuwanderer ein. Ein solcher Zustrom von Hochqualifizierten stellt ökonomisch betrachtet einen massiven Import von Humankapital dar. Wenn wir unsere Maturitätsquoten senken, rekrutieren wir in Zukunft noch vermehrt hoch qualifizierte Arbeitskräfte im Ausland und verbauen unserem eigenen intelligenten und motivierten Nachwuchs die Möglichkeit, ein Gymnasium besuchen zu dürfen und später unserer Wirtschaft und Gesellschaft als wertvolle Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen.

7. Die Befürworter einer Reduktion der Zuger Maturitätsquote argumentieren oft mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit im Ausland, die mit einer hohen Akademikerquote einhergehe. Sie übersehen dabei aber zwei Punkte. Erstens kann die Struktur und aktuelle Lage der Wirtschaft und somit die Nachfrage nach Arbeitskräften der meisten europäischen Staaten nicht mit derjenigen der Schweiz verglichen werden. Zweitens ist in der Schweiz die Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen tiefer als diejenige der Lehrabgänger.

Aus all diesen Gründen muss die Politik der Reduktion der Zuger Maturitätsquote eine klare Absage erteilen. Es darf in unserem wohlhabenden Staat nicht sein, dass einem jungen Menschen, der eine höhere Bildung anstrebt und dazu in der Lage ist, dies staatlich erschwert oder gar verunmöglicht wird!

Jeannette Baumann, Walchwil»

«Man sollte sich nicht auf eine Quotendiskussion versteifen», Interview mit a NR Rudolf Strahm*, Neue Zuger Zeitung vom 2.10.2015

Rudolf Strahm*, was sagen Sie zum Versuch des Kantons Zug, die gymnasiale Maturitätsquote zu senken?
Rudolf Strahm: Ich begrüsse, dass die Zuger Regierung die Frage der geeigneten Maturitätsquote zur Diskussion stellt und Vorgaben für die Zukunft anvisiert. Die Bildungspolitik sollte sich natürlich nicht nach momentanen Budgetengpässen des Kantons richten. Aber man muss schon mal zur Diskussion stellen und die Konsequenzen diskutieren, dass wir einen schleichenden Trend ins Gymnasium haben. Innert zweier Jahrzehnte ist nämlich die Maturitätsquote in vielen Kantonen um zwei Drittel angewachsen. In Zug liegt sie im Deutschschweizer Vergleich heute schon sehr hoch. Und deshalb ist eine Debatte angebracht. Dass sich die Kantonsschullehrer aus standespolitischen Gründen für ihre Schule wehren, ist verständlich, aber bisher haben sie schlechte Argumente vorgeführt.

Was sind denn diese «schlechten Argumente»?
Strahm: Man kommt immer mit dem sogenannten Fachkräftemangel, um den Trend zur Kantonsschule und zur Akademisierung zu rechtfertigen. In der Realität haben wir nicht generell einen Akademikermangel in der Schweiz. Wir haben zu wenig Ärzte wegen des Numerus clausus an den medizinischen Fakultäten. Und wir haben vor allem zu wenig Ingenieure, Informatiker und technische Fachspezialisten, weil die Gymnasien und Kantonsschulen seit der Maturitätsordnung 1995 sehr sprachlastig ausgerichtet sind. Jugendliche, vor allem junge Männer, die stark sind in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, also den Mint-Fächern, finden den Zugang zur Kantonsschule nicht, wenn sie nicht auch stark sind in Fremdsprachen. Der Notenmix bringt eine falsche Selektion.

Darf die Bildungspolitik überhaupt die freie Studienwahl steuern?
Strahm: Ja, sie muss global steuern. Im Kanton Aargau wurde zum Beispiel an den Kantonsschulen die Nawimat eingeführt, eine naturwissenschaftlich-mathematische Maturität. Die erlaubt Jugendlichen, die in den Mint-Fächern stark sind, einen Zugang zur Maturität. Später findet man sie an der ETH oder in den naturwissenschaftlichen Abteilungen der Uni und Fachhochschulen. Ich würde den Innerschweizer Kantonen vorschlagen, solche Modelle auch zu prüfen. Wir haben näm-lich an den Universitäten einen grossen Überhang von Studenten in Psychologie, Geistes- und Sozialwissenschaften und zu wenig Studenten in Mint-Fächern.

Sollte es eine Quote für die gymnasiale Maturität geben, zum Beispiel in Bezug auf die zur Verfügung stehenden jungen Leute?
Strahm: Man sollte sich nicht einfach auf eine Quotendiskussion versteifen. Vielmehr sollte man, wie eben mit der Nawimat illustriert, die Ausrichtung der Kantonsschullehrgänge mitdiskutieren. Und man sollte auch in Frage stellen, dass wir bezüglich der Eintrittsquoten ins Langzeitgymnasium riesige Differenzen von Gemeinde zu Gemeinde kennen.

Wie sollten die Kantone bis ins Jahr 2022 agieren, um dem Mangel an Jungen zu begegnen?
Strahm: Bis 2022 werden die Zahlen der Schulabgänger stagnieren oder leicht zurückgehen. Ohne Steuerung werden die Kantonsschulen und Gymnasien ihre Klassen einfach auffüllen. Und das Potenzial an Jugendlichen, die für eine Berufslehre und berufliche Qualifikationen bis zur Fachhochschule zur Verfügung stehen, wird abnehmen. Dabei sind in der Wirtschaft Fachhochschulabsolventen und Fachkräfte mit einer höheren Berufsbildung, also Höhere Fachschule, Eidgenössische Berufsprüfung oder eidgenössische Höhere Fachprüfung, zahlenmässig begehrter. Viele Leute wissen nicht, dass wir ein durchlässiges Bildungssystem haben nach dem Motto: Kein Abschluss ohne Anschluss. Auch nach einer Berufslehre kann man mit Weiterbildungen bis zur Tertiärstufe gelangen.

Was können oder müssen die Kantone gegen die «Akademisierungsfalle» tun?
Strahm: Entscheidend ist schon mal die Aufwertung der Schul-Oberstufen. In der siebten, achten und neunten Klasse ist das im Lehrplan 21 vorgesehene Fach Berufliche Orientierung wichtig. Die Jugendlichen sollen sich früh mit ihren Fähigkeiten, Neigungen und Abneigungen befassen und die Berufswahl von der Schule, und wenn möglich von den Eltern begleitet, sorgfältig vorbereiten. Auch die Lehrstellensuche muss begleitet werden. Aus meiner Sicht funktioniert dies in der Innerschweiz gut – jedenfalls besser als in den grossen Städten und in der Romandie. Wenn Junge gut sind in der Schule und auch Freude an der Schule haben, ist der Maturitätsweg durchaus richtig. Aber viele Jugendliche sind mit 16 schulmüde und quälen sich Jahre durch die Kantonsschule. Ein Zwischenschritt über die Lehre plus anschliessende Weiterbildungen ist für
sie geradezu befreiend.

Wie gibt es möglichst schnell mehr Lehrlinge und weniger Studenten?
Strahm: Entscheidend ist die Förderung der Berufsmaturität in den Kantonen, also die Kombination der Berufslehre mit einer praxisnäheren Maturität, die dann den Zugang zu den Fachhochschulen erlaubt. Viele Akademiker-Eltern wissen nicht genau, was die Berufslehre und Berufsmaturität bedeuten, und deshalb trifft der Karriereweg über Berufsbildung in diesen Kreisen oft auf eine Geringschätzung.

INTERVIEW CHARLY KEISER

* Rudolf Strahm ist 1943 im Emmental geboren und sass für die SP von 1991 bis 2004 im Nationalrat. Das neueste Buch des Bildungspolitikers heisst «Die Akademisierungsfalle».

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