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Religion heute? Differenzen aushalten!

06.05.2019
Rifa'at Lenzin über Religion und Schule.
RF
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Was wir auf jeden Fall brauchen, wenn wir als Gesellschaft zukunfts- und überlebensfähig bleiben wollen, sind interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen. Unabhängig von unserem eigenen Verhältnis zur Religion.

Von Rifa'at Lenzin*

Wer kennt nicht den berühmten, oft zitierten Satz von Karl Marx: «Religion ist das Opium des Volkes». Ungekürzt lautet der Ausspruch: «Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks». Als Trostspenderin in schwierigen Zeiten hat Religion wohl nie ausgedient. Für diejenigen, die mit Religion aber in erster Linie Zwang, Machtanspruch und Unfreiheit verbinden, ist das aber wohl kein Trost.

Religionen sind aber auch nicht einfach "gut", sondern an sich ambivalent: Mit ihnen lassen sich sowohl Handlungsweisen legitimieren, die zum friedlichen Zusammenleben der Menschen beitragen, als auch solche, die zu Konflikten und gewalttätigen Auseinandersetzungen führen. Weisse Südafrikanerinnen und Südafrikaner haben lange Zeit die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung und die Apartheid damit gerechtfertigt, dass sie eigentlich nur die Bibel umsetzten und mit entsprechenden Bibelstellen argumentiert. Jihadisten andererseits operieren gerne mit Koranstellen, die zum Kampf gegen die Ungläubigen aufrufen. Das heisst: Religiöse Lehren und Symbole verleihen Handlungsweisen eine nicht weiter zu begründende Legitimität und können ausgenützt werden, um höchst weltliche Interessen durchzusetzen. Dies ist die problematische Seite von Religion.

Mit der Aufklärung und Säkularisierung - glaubte man in Europa - sei das Ende der Religion als gesellschaftlich relevanter Faktor gekommen, Religion als Auslaufmodell der Geschichte sozusagen. Friedlicher wurde die Welt dadurch jedoch nicht wenn man an die 80 Millionen Toten allein im zweiten Weltkrieg denkt, einschliesslich der Opfer des Holocausts aber ohne die zahllosen Opfer stalinistischer Säuberungen und nachkolonialer Befreiungskämpfe.

Nun stellt man seit einiger Zeit – je nach dem erstaunt oder entsetzt – eine Rückkehr des Phänomens «Religion» fest. Gründe dafür gibt es viele: Das Ende der Fortschrittseuphorie, übersteigerter Individualismus, Globalisierung, wirtschaftliche Unsicherheiten und damit das Gefühl des Ausgeliefertseins führen nicht selten zu einer Identitätskrise. Die aktuelle Wertedebatte ist ein vielsagender Ausdruck davon. Viele fürchten eine Rückkehr der Religion, weil nicht sein darf, was nicht sein soll. Andere sorgen sich um Errungenschaften der Moderne: Feministinnen fürchten um die Emanzipation, sobald sie ein Kopftuch sehen, erstaunlich viele konservative Parteigänger, die sich längst nicht mehr am religiösen Leben beteiligen, wenn sie nicht gar aus der Kirche ausgetreten sind, fürchten plötzlich um „christliche" Werte. Und auch Theologen wünschen sich in der Regel keine Rückkehr zu vor-säkularen Verhältnissen. Einige betrachten die Diskussion als Chance, die eigenen Werte zu hinterfragen und allenfalls neu zu definieren.

Die Rückkehr des Religiösen bedeutet nicht unbedingt das Zurück in eine vor-säkulare Zeit, in welcher der Glaube die Regeln des Zusammenlebens bestimmte. Sie kündigt aber das Entstehen einer „post-säkularen Gesellschaft" an, wie Jürgen Habermas sie nennt, einer Gesellschaft, in der Glauben als wichtige, vielleicht überlebenswichtige Voraussetzung eines Moralgerüsts für den Einzelnen und eines Zusammengehörigkeitsgefühls für die Gemeinschaft neue Anerkennung findet.

Religion. Bild: Michel Gilgen.
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Religion war und ist ein wesentlicher Bestandteil von Kultur. Beide beeinflussen sich gegenseitig. Überlieferte und in Familie und Gemeinschaft gelebte Alltagsrituale und Feiertage erleichtern Übergänge, vermitteln der Zeit einen Rhythmus. Sie stiften Identität, stellen aber auch Ansprüche. In einer vom Christentum geprägten Gesellschaft gehören Kirchen zur kulturell gestalteten Landschaft und damit auch zu unserem verinnerlichten Raum. Aber wieviel Wissen über Ursprung und Bedeutung des Christentums ist heute in unserer Gesellschaft vorhanden? Und braucht es ein Wissen über neu hinzugekommene Religionsgemeinschaften wie Muslime oder Hindus? Sind religiöse Weltbilder mit ihren Werten und Normen angesichts einer sich rasant verändernden Welt noch sinnstiftend? Was sollen künftige Generationen noch über die eigene Religion wissen? Welchen Platz hat religiöse Erziehung in der Familie? Und welche Alternativen bestehen zu einem religiös geprägten Weltbild? Gehört das Wissen über Religionen zum schulischen Pflichtstoff und wenn ja, welchen Mehrwert bietet das? Und wie steht es um Unterricht vonseiten Religionsgemeinschaften, der durch eigenes Personal an Schulen durchgeführt werden kann? Oder darf das Thema keinen Platz einnehmen in den staatlichen Schulen? Dies alles sind Fragen, die sich in Bezug auf das Verhältnis von Religion, Schule und Erziehung in unserer heutigen Gesellschaft stellen.

Man braucht nicht religiös praktizierend zu sein. Was wir aber auf jeden Fall brauchen, wenn wir als Gesellschaft zukunfts- und überlebensfähig bleiben wollen, sind interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen. Denn heutige Gesellschaften sind nicht (mehr) homogen, sondern multiethnisch, multikulturell und multireligiös geprägt. Kompetenzen erwerben heisst lernen, heisst offen sein für Anderes, heisst die Fähigkeit erwerben, Differenz nicht zwingend überwinden zu wollen, sondern auszuhalten. Ohne gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft vom Anderen zu lernen wird es nicht gelingen, einen modus vivendi zu finden, der von allen Mitgliedern der Gesellschaft und nicht nur von einzelnen Gruppen getragen wird. Erforderlich ist die prinzipielle Anerkennung der Gleichwertigkeit anderer Kulturen und Religionen und deren Respektierung nicht nur innerhalb der Grenzen der eigenen Wertvorstellungen.

* Rifa'at Lenzin, Dr. h.c. theol., lic. phil., Islamwissenschaftlerin, ist Präsidentin von IRAS COTIS.

 

IRAS COTIS, die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, ist ein nationales Netzwerk und bezweckt, den Austausch, den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Menschen mit unterschiedlichem religiösem und kulturellem Hintergrund zu fördern, Vorurteile und Ängste abzubauen und so zum sozialen Zusammenhalt in der Schweiz beizutragen. Diese Zielsetzung erreicht es durch interreligiöse Projekte in den Bereichen Bildung, Begegnung und Vernetzung.

IRAS COTIS wurde 1992 als Verein gegründet und wird getragen von rund 70 Religionsgemeinschaften und Organisationen, die sich im interreligiösen und interkulturellen Dialog engagieren. Via Link geht's hier zur Homepage.

 

 

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