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Von Premièren und Dernièren in der Bildung

25.06.2019
Abschiedskolumne von Beat W. Zemp
Beat W. Zemp
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Freude in Zug und Katerstimmung in Basel? Bei der Première der Überprüfung der Grundkompetenzen lohnt sich ein genauerer Blick. Eine exklusive Abschiedskolumne für www.schulinfozug.ch

Von Beat W. Zemp*, Zentralpräsident LCH

Wer 30 Jahre Bildungspolitik aus nächster Nähe in einem Spitzenamt verfolgt und mitgeprägt hat, der hat schon manche Première und Dernière erlebt. So liegt es nahe, dass ich für die Rubrik «Dialog und Meinung» zu meinem Abschied als Zentralpräsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) diesen Titel gewählt habe, zumal es soeben und binnen einer Woche aktuellen Anschauungsunterricht dazu gab: Die Première der erstmaligen Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen (ÜGK) auf nationaler Ebene fand zwar schon 2016 bzw. 2017 statt, deren Resultate wurden aber erst am 24. Mai 2019 in Bern von der EDK kommuniziert. Und in der gleichen Woche fanden auch noch die Dernièren des «Schweizer Schulpreises» in Luzern und der «Bildungslandschaften» in Bern in Form von Schlussveranstaltungen statt. Doch schauen wir uns die Première der ÜGK mal etwas genauer an.

Freude herrscht in Zug, Katerstimmung hingegen in Basel
Am 24. Mai kommunizierte die Direktion für Bildung und Kultur des Kantons Zug die Ergebnisse der ÜGK wie folgt: «In Mathematik erreichen überdurchschnittlich viele Zuger Schülerinnen und Schüler die Grundanforderungen. In Deutsch und Englisch liegt der Kanton Zug leicht über dem hohen Schweizer Durchschnitt. Erfreuliches gelingt beim Lesen.» Schaut man sich die Resultate genauer an, dann stellen sich trotz dieser Zuger Erfolgsmeldung einige Fragezeichen. Denn nur 2/3 aller getesteten Zuger Schülerinnen und Schüler erreichten 2016 in Mathematik die von der EDK vorgegebenen Grundkompetenzen am Ende der obligatorischen Schulzeit. Als diese Grundkompetenzen im Jahr 2011 an einer EDK-Plenarversammlung verabschiedet wurden, habe ich vor der Abstimmung nochmals explizit nachgefragt, wie viel Prozent eines Jahrgangs denn diese Grundkompetenzen erreichen sollen. Die Antwort der Projektleitung und der Politik lautete unisono: „Fast alle", was in der Schulpraxis 95% bedeutet, da Schüler mit sonderpädagogischer Betreuung individuelle Lernzielanpassungen haben und nicht an diese Grundkompetenzen gebunden sind. Die Resultate der ÜGK in Mathematik blieben aber weit hinter diesen Erwartungen zurück: So erreichten im Kanton BS lediglich 43% aller Schüler die Grundkompetenzen, was die NZZ zum Anlass nahm, ihre ausführliche Berichterstattung mit der süffisanten Formel „Katastrophales Zeugnis für die Basler Schulen" zu betiteln. Überall ging das Stirnrunzeln los: Ausgerechnet in Mathematik, wo doch die Schweizer 15-Jährigen beim letzten PISA-Test hinter Japan das zweitbeste Resultat aller getesteten OECD-Länder erreichten! Da kann doch etwas nicht stimmen, sagte sich auch die EDK und liess einen Audit-Report durch zwei ausgewiesene und unabhängige Fachpersonen aus Luxemburg erstellen.

Wenn die Hauptpobe misslingt, heisst das nicht, dass die Première gelingt
Die beiden Auditoren kritisieren in ihrem Bericht, dass es in Mathematik zu viele Aufgabenstellungen hatte, die mit schwierigen Texten umschrieben waren. Das ist ein bekanntes Problem in der Mathematik. Viele Schülerinnen und Schüler scheitern dann nicht an den mathematischen Kompetenzen, sondern weil sie die Textaufgaben nicht wirklich verstehen. Die Herstellung von Multiple Choice Tests mit anspruchsvollen Distraktoren ist zudem alles andere als trivial. Das weiss jede Lehrperson, die schon einmal solche Tests für den Gebrauch in ihrer Klasse entworfen hat. Die Auditoren bemängeln, dass die Herstellung der Test-Items nicht nach exakten wissenschaftlichen Verfahrensstandards erfolgte; z.B. wurden die grundlegenden „coding guidelines" erst im Nachhinein geschrieben, und der Aufwand für die Herstellung der Testaufgaben samt Übersetzung wurde unterschätzt. Nachtragskredite und eine Verlängerung des Zeitplans waren nicht möglich, was dann zu den bekannten Zeitproblemen führte. Daher konnten nach dem ersten Pretest auch nicht mehr alle überarbeiteten oder neu konzipierten Test-Items auf ihre Tauglichkeit hin überprüft werden. Die Hauptprobe war verpatzt und die Première der ÜGK lief je nach Kanton mehr schlecht als recht, wie wir jetzt wissen. Von der erwarteten 95%-Erfolgsquote ist man in allen Kantonen noch meilenweit entfernt.

ÜGK, Bild: Andreas Busslinger
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Mindestanforderungen oder Normkompetenzen?
Das grundlegende Probleme ist aber folgendes: Die Testaufgaben mussten sich auf die Grundkompetenzen beziehen, die 2011 von der EDK verabschiedet wurden und die anschliessend in die drei sprachregionalen Lehrpläne, dem Lehrplan 21 für die deutsche Schweiz, dem Plan d'études romand für die Romandie und dem Piano di studio für die italienische Schweiz, integriert wurden. Aber die Schüler, die 2016 in der 9. Klasse getestet wurden, sind in der deutschen Schweiz noch gar nicht nach dem neuen Lehrplan 21 unterrichtet worden. Es wird noch einige Jahre dauern, bis wir bei der ÜGK von einem harmonisierten Lehrplan mit entsprechenden Lehrmitteln und einigermassen vergleichbaren Stundendotationen ausgehen können. Daher sprechen die Autoren in ihrer Zusammenfassung, dass die Première der ÜGK für Mathematik ein „komplexes, kompliziertes und hoch riskantes Pionierprojekt in der Schweizerischen Bildungslandschaft" gewesen sei. Die Auditoren empfehlen zudem, die Grundkompetenzen künftig als Normkompetenzen und nicht als Minimalstandards zu betrachten, da die von der EDK verabschiedeten Grundkompetenzen im internationalen Vergleich „extrem ambitiös" seien und 2011 ohne jede empirische Validierung verabschiedet wurden, was damals auch der LCH bemängelte. Was trotz aller Harmonisierungsbemühungen bleiben wird, sind die extremen Unterschiede in der Zusammensetzung der Schülerschaft. Es nützt den Basler Lehrpersonen nichts, wenn sie die tollen Resultate der Appenzell-Innerhödler sehen. Im einzigen Stadtkanton der Schweiz gibt es nun mal viel mehr Schüler aus bildungsfernen Schichten und fremdsprachigem Milieu als andernorts.

Operative Mängel und Motivationsprobleme
Im Audit-Bericht wird schliesslich auch noch kritisiert, dass die Governance der ÜGK nicht optimal gewesen sei und dass es wegen des hohen Zeitdrucks zu Problemen bei der operativen Umsetzung der Tests gekommen sei. Das kann ich bestätigen, da wir insbesondere von Lehrpersonen aus dem Bildungsraum NWCH Rückmeldungen erhielten, dass die installierte Testsoftware auf den Computern nicht richtig funktionierte und die Testnavigation nicht den Erwartungen der Schüler entsprach. Zudem dürfte es Motivationsprobleme bei den Getesteten gegeben haben, weil dieser Test keine Noten gab und die Schüler keine Rückmeldung erhielten. Für Sekundarschüler im letzten Schuljahr der obligatorischen Schule, die bereits einen Lehrvertrag in der Tasche haben, ist die Motivation für solche „Spiele" sowieso nur beschränkt vorhanden. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass nach der Umsetzung der harmonisierten Lehrpläne in allen Kantonen und dem Lernen aus den Fehlern dieses Pionierprojekts die Resultate der kommenden Mathematik-Tests deutlich besser werden. Das war bei PISA so und es wird bei der ÜGK ebenso sein. Damit wir künftig aber nicht wieder Thurgauer Äpfel mit Baselbieter Zwetschgen und Zuger Kirschen vergleichen, müssen die Kantone und die EDK ihre Hausaufgaben erledigen. Denn sollten sich die Premièren-Pannen und das «naming and shaming» wiederholen, dürfte die Dernière der ÜGK nicht mehr fern sein.

* Beat W. Zemp ist diplomierter Mathematiker und Gymnasiallehrer. Er unterrichtete 35 Jahre lang an verschiedenen Mittelschulen in der Region Basel und präsidiert seit 1990 den LCH, der heute mit 55'000 Mitgliedern zu den Spitzenverbänden in der Schweiz gehört. Auf Ende dieses Schuljahres wird er in Pension gehen.

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