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Kein Witz: Vorsicht, bissige Schüler!

28.02.2019
Zum Umgang mit Verhaltensauffälligkeit. Von Martin Brunner.

Zum Umgang mit Verhaltensauffälligkeit

Martin Brunner
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Nein, das ist kein Witz. Besonders nach den Sommerferien sei die Beisshemmung besonders gering, berichtet ein Basler Lehrer und Gewerkschafter in der Basler Zeitung. Gleich drei Primarlehrerinnen seien alleine in den ersten Wochen des Schuljahres gebissen worden. Und ja: Natürlich ist da etwas schiefgelaufen, aber was? – In der Regel sind Antworten schnell zur Hand (und selten ganz falsch): Mangelnde elterliche Erziehungskompetenz, die zu frühe Einschulung, die Laisser-faire-Haltung der 68-er, ein ungebremster Medienkonsum, die Ausländer, fehlende Grenzsetzung, Respektlosigkeit, die Integration, zu viel Bürokratie, zu grosse Klassen, der Lehrplan 21, die Feminisierung des Lehrerberufs, die mangelnde Leistungsorientierung, die LehrerInnenausbildung oder ein zu hochschwelliger Zugang zu Kleinklassen, wie neulich in einem Postulat an den Zuger Regierungsrat moniert wurde.

Auffälliges Verhalten wird heute von allen, die in der und für die Schule arbeiten als die Herausforderung erlebt. Aber auf die oben gestellte Frage gibt es leider keine einfachen Antworten. Die Welt ist komplizierter als wir sie gerne hätten – Also zurück auf Feld 1, bzw. zur Frage, was schiefgelaufen sei? Oder könnte es auch sein, dass das die falsche Frage ist?

Bekanntlich können sich Regierungen nicht über das Volk beklagen, das sie zu regieren haben; ihre Aufgabe ist es, sich in dessen Dienst zu stellen. Ähnliches gilt für die Volksschule: Sie hat genau die Kinder und Eltern, die sie hat – keine anderen. Darum ist die Frage nach dem Schiefgelaufenen wenig hilfreich, weil sie oft nahtlos in Schuldzuweisung mündet, und diese ihrerseits in Rechtfertigung – Ping Pong also.

Sinnvoller scheint mir die Frage, was ich selbst tun kann, um das Problem Verhaltensauffälligkeit zu mildern? Ich als Schreiber dieser Zeilen? Ich als Lehrerin? Als Bildungsdirektor? Als Vater? Ich als Gewerkschafter oder Schulleiterin? Die folgenden Gedanken könnten uns bei der Suche nach unseren persönlichen Antworten hilfreich sein:

  • Pädagogische Grundsätze sind selten in Stein gemeisselt. Die Integrationsdiskussion ist dafür ein gutes Beispiel: Während noch in den 60er-Jahren ein guter Pädagoge war, wer das Schulsystem besonders differenzieren wollte, schwang das Pendel in den 80er und 90-er-Jahren in die andere Richtung und führte zusammen mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen zum Konzept der Integrativen Schule. Dessen Umsetzung hat aber auch Schwächen offengelegt. Einzelne Kantone buchstabieren bei der Integration Verhaltensauffälliger mindestens teilweise zurück. Das Wissen um diese Pendelbewegungen rechtfertigt eine gewisse Gelassenheit in der pädagogischen Diskussion, vor allem aber deren Entideologisierung.
  • Verhaltensauffälligkeit ist nicht nur eine Eigenschaft des Kindes, sondern auch ein Merkmal des Systems. Es gibt Kinder, die bei Lehrer A völlig untragbar sind, sich bei Lehrerin B aber besser steuern können. Beim Umgang mit Verhaltensauffälligkeit ist demnach nicht nur nach dem Verhalten des Kindes zu fragen, sondern auch nach den Bedingungen, welche Verhaltensauffälligkeit begünstigen, oder auch danach, welchen Zweck ein bestimmtes Verhalten erfüllt.
  • Hohe Komplexität der Schule verlangt nach qualitativ hochstehender Zusammenarbeit. Neue Professionen und Angebote haben in der Schule Einzug gehalten, der Unterricht hat an Fragmentierung und Individualisierung zugenommen, Eltern wollen mitreden, es gibt zahlreiche neue Schnittstellen. In dieser Situation erlangt Kooperation eine noch grössere Bedeutung als sie immer schon hatte. Das setzt Aufbau und Pflege einer eigentlichen «Kultur der Zusammenarbeit» weit oben auf die Traktandenliste.
  • Regulierung ist gut, Flexibilität auch! Wir haben viel in die Regulierung investiert, Rahmenbedingungen definiert und Leitlinien verfasst – das war wohl nötig. Jetzt aber sollten wir uns ebenso ernsthaft damit beschäftigen, wie die Vorgaben situationsgerecht umgesetzt werden. Nicht jede Schule hat dieselben Stärken, nicht jedes Quartier dieselben Bedürfnisse, nicht jedes Kollegium ist gleich. Gute Lösungen sind oft solche, die im Rahmen bestimmter Vorgaben lokal und von unten entwickelt wurden. Dafür brauchen Schulleitungen und Lehrpersonen Spielräume, welche die individuelle Kreativität begünstigen und für die Schule nutzbar machen.
  • Eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung ist das A und O des Lernerfolgs. SchülerInnen spüren, ob ihre Lehrkräfte sich wirklich für sie und ihre Entwicklung interessieren. Jede Pädagogik versagt, wenn dieses Interesse fehlt. Deshalb ist einer bewussten Beziehungsgestaltung in Aus- und Weiterbildung grosses Gewicht beizumessen, unabhängig vom Schulmodell, das momentan gerade Oberhand hat.

Zurück zu den gebissenen Regel-Lehrpersonen: Neulich schilderte mir in einer Supervision ein Lehrer just eine solche Situation. Er unterrichtet an einer Sonderschule für Verhaltensauffällige. Auch diese Lehrer wollen nicht gebissen werden. Gute kollegiale Zusammenarbeit und Spielräume vor Ort werden sie davor besser schützen als Modelle.

* Martin Brunner, Psychologe FSP, ist freiberuflicher Organisations- und Schulberater, nachdem er zuvor jahrelang den Schulpsychologischen Dienst des Kantons Baselland, und später kurz denjenigen des Kantons Basel-Stadt geleitet hat ( www.martinbrunner.ch).
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