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Kritik, Verständlichkeit, Leistung und Konsens

05.05.2017
Beitrag von Regierungsrat Stephan Schleiss  zur Eröffnung des 11. Forums Gute Schule am 11. März 2017 in der Aula der Kantonsschule Zug (leicht gekürzte Fassung) Sehr geehrte Schulpräsidentinnen ...
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Beitrag von Regierungsrat Stephan Schleiss  zur Eröffnung des 11. Forums Gute Schule am 11. März 2017 in der Aula der Kantonsschule Zug (leicht gekürzte Fassung)

Sehr geehrte Schulpräsidentinnen und Schulpräsidenten
Sehr geehrte Mitglieder der gemeindlichen Schulkommissionen
Sehr geehrte Herren Rektoren
Sehr geehrte Damen und Herren

Bei der Vorbereitung auf das heutige «Forum Gute Schulen» ist mir ein Bilderbuch aus meiner Kindheit in den Sinn gekommen. Vielleicht kennen Sie die Geschichte: Ein Vater geht mit seinem Sohn auf den Markt, um einen Esel zu kaufen. Auf dem Heimweg gehen sie neben dem Esel her. Der erste Mann, der ihnen entgegenkommt, lacht und sagt: «Wieso reitet denn keiner?» Da steigt der Sohn auf. Der zweite Wanderer, der ihnen begegnet, ist entrüstet: «Wieso reitet der junge Mann und lässt seinen Vater gehen?» Der Sohn steigt ab und der Vater steigt auf. Der nächste Mensch hat wieder eine andere Haltung: «Wieso reitet der stämmige Vater und lässt seinen Sohn neben ihm her gehen?» Da steigt der Sohn zum Vater auf den Esel und sie reiten zu zweit weiter. Da kommt ihnen ein vierter Reisender entgegen und ruft: «Ihr Tierquäler, warum reitet ihr zu zweit auf dem Tier?» Da steigen beide ab, binden den Esel an einen dicken Ast und tragen ihn nach Hause. Zu Hause steht die Frau in der Tür und ruft ihnen entgegen: «Ich habe eigentlich nur einen Esel erwartet ... und jetzt kommen gleich drei!» Ich komme auf diese Geschichte zurück.

«Warum wissen nicht alle, dass unsere Schulen gut sind?» Unter diese Leitfrage haben die Organisatoren das diesjährige Forum gestellt. Und dieser Frage müssen wir heute auf den Grund gehen. Zuerst der Frage selbst, dann aber auch den möglichen Antworten.

Und da ist mir eben die Geschichte mit dem Esel in den Sinn gekommen: «Allen Leuten Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.» Wir könnten uns jetzt tatsächlich zurücklehnen und uns auf den Standpunkt stellen, dass die öffentliche Schule gar nicht anders kann, als umstritten zu sein. Seit es die öffentliche Schule gibt, scheiden sich schliesslich die Geister an ihr. Was die öffentliche Schule tun und lassen soll und was nicht — das ist immer umstritten gewesen und wird auch immer umstritten bleiben.

Aber ganz so einfach möchte ich es uns nicht machen. Ich will — und ich kann das nur von meinem Standpunkt aus — einige Denkanstösse zu vier Arbeitsfeldern geben. Die Arbeit auf diesen vier Feldern ist in meinen Augen zentral für die Akzeptanz der öffentlichen Schule.

Kritikfähigkeit
Das erste Arbeitsfeld ist die Kritikfähigkeit. Die öffentliche Schule muss dafür sorgen, dass die Eltern nicht die Faust im Sack machen und lieber still sind, als Kritik an der Schule zu üben. Hand aufs Herz: Manchmal perlt die Kritik entweder ab oder — noch schlimmer — die Kritik der Eltern an der Schule oder an der Lehrperson fällt auf das Kind zurück. Das ist zwar menschlich verständlich, aber aus professioneller Sicht eine Katastrophe. Das passiert zum Beispiel dort, wo Schulleitungen nicht bereit sind, zwischen Lehrperson und Eltern zu moderieren. Wenn die Eltern gegenüber der öffentlichen Schule Ohnmachtsgefühle entwickeln oder die Schule gegenüber Kritik taub wird, weil die Kinder ja so oder so jeden Tag vor der Tür stehen, dann schaffen wir uns als öffentliche Schule ab. Davon bin ich überzeugt. Wohlverstanden: Kritikfähigkeit ist nicht etwas, das man einmal erlangen kann oder das uns immer gleich gut gelingt. Wir müssen jeden Tag und immer wieder neu an unserer Kritikfähigkeit arbeiten. Die öffentliche Schule hat eine starke und mächtige Stellung gegenüber den Eltern. Umso mehr sind wir den Eltern Kritikfähigkeit schuldig — und den Schülern auch.

Leistungsfähigkeit
Das zweite Arbeitsfeld ist die Leistungsfähigkeit. Wenn Zweifel an der Leistungsfähigkeit der öffentlichen Schule aufkommen, dann sind wir an einem sehr schwierigen Punkt angekommen. Was meine ich damit? Eine starke öffentliche Schule ist eine fachlich starke Schule. Wo Leistung nicht mehr gefragt ist oder wo Leistung nach unten nivelliert wird, stimmen die Eltern mit den Füssen ab und stecken ihre Kinder in Schulen, die auf Leistung setzen. Die Hauptaufgabe der Volksschule ist die Vermittlung einer soliden Basis, auf die das Kind auf dem weiteren Bildungsweg aufbauen kann. Und über diese Leistungsfähigkeit sind wir Rechenschaft schuldig. Es reicht nicht, wenn wir diese Leistungsfähigkeit nur behaupten. Wir müssen sie beweisen.

Verständlichkeit
Damit komme ich zum dritten Arbeitsfeld, zur Verständlichkeit. Viele Eltern und Aussenstehende verstehen die Schule nicht mehr. Das liegt einerseits an einer Fachsprache, die sich dem Zugang von Uneingeweihten mehr und mehr entzieht. Nur schon die Unterscheidung zwischen «Selbstkompetenz» und «Lernkompetenz» dürfte nur einem Bruchteil der Eltern klar sein. Andererseits haben wir in den letzten Jahren auch strukturelle Änderungen vorgenommen, welche für Uneingeweihte immer schwieriger zu verstehen sind. Natürlich ist das alles kein Problem, wenn man alle Broschüren und Reglemente liest. Aber das kann nicht die Aufgabe der Eltern sein. Eltern haben ein Recht darauf, dass sie die schulische Entwicklung ihrer Kinder mit überschaubarem Aufwand mitverfolgen können.

Ich nehme den Klassendurchschnitt als kleines Beispiel: In der obligatorischen Schule wird der Klassendurchschnitt heute nicht mehr auf den Prüfungen festgehalten. Die Begründung, wissenschaftlich verankert im Konzept «Beurteilen und Fördern»: Eine Note ist eine Individualnorm und keine Sozialnorm. Das ist schön und gut, jedenfalls für die, die das verstehen. Die Eltern haben mit dem Verzicht auf den Durchschnitt aber eine Möglichkeit verloren, ihre Kinder im Klassenrahmen einzuschätzen. Was bedeutet eine 3.5, wenn die ganze Klasse ungenügend war? Was bedeutet eine 3.5, wenn der Klassenschnitt eine 5 war? Hier hat man — gut gemeint — den Eltern ganz sicher keinen Gefallen getan und die Unverständlichkeit der Schule erhöht. Wenn die Schule zur Blackbox wird, dann sind Verständnisschwierigkeiten die Folge. Und wenn wir nicht verständlich sind, dann dürfen wir auch nicht erwarten, dass wir verstanden werden.

Konsensorientierung
Ich komme zum letzten Arbeitsfeld, zur Konsensorientierung. Die öffentliche Schule ist immer ein Konsensergebnis, im Gegensatz zu den Privatschulen, die diesbezüglich freier sind. Die öffentliche Schule ist obligatorisch. Die Schule macht heute auch ideologische Themen zum Gegenstand der Erziehung — vom Verzicht auf Fleisch und Autofahren bis hin zu Gender und Fairtrade. Das sind keine Gegenstände, über die in einer Gesellschaft ein Konsens erzielt werden kann. Auch bei Schulversuchen ist die gesellschaftliche Zustimmung eng begrenzt — ich erinnere Sie an die grandios gescheiterte Zuger Innovationsschule. Entsprechend vorsichtig muss die Volksschule mit solchen Themen umgehen. Es bringt nichts, wenn wir uns in ideologischen Grabenkämpfen verlieren. Es gibt viele Themen, über die ein gesellschaftlicher Konsens besteht. Dieser Konsens beschränkt keineswegs nur auf Rechnen, Schreiben, Lesen, aber in den Kernfächern ist er besonders gross. Wenn wir hingegen einem Kindergärtler verbieten, ein Fleischsandwich zum Znüni in den Kindergarten mitzubringen, dann ist das vielleicht ganz im Sinn von Vegetariern oder Grünen, aber für die bürgerliche Mehrheit im Land ist das nur eines: Nämlich ein Übergriff und eine völlig unverhältnismässige Einmischung ins Private. Wer dann noch Zustimmung erwartet, der täuscht sich.

Kritikfähigkeit, Leistungsfähigkeit, Verständlichkeit und Konsensorientierung: In meinen Augen sind das sehr wichtige Aufgabenfelder für eine gute Schule. Die Arbeit auf diesen Feldern geht nie aus. Und das ist genau das, was wir in meinen Augen machen müssen: Auf diesen vier Feldern unaufgeregt und unaufhörlich arbeiten. Wenn uns das gelingt, dann werden wir akzeptiert und getragen. Und dann müssen wir auch nicht bei jedem Wanderer zusammenzucken, der uns auf unserem Weg entgegenkommt und in Gottes Namen eine andere Meinung hat.

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