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Auf der Flucht — Projekt Menzingen

20.01.2016
Seit Mai gibt es auf dem Gubel bei Menzingen ein Bundesasylzentrum. Die Fotos zum Fokusthema "Auf der Flucht" wurden dort aufgenommen. In der Vorweihnachtszeit führte die Schule Menzingen ein ...
Bild Legende:

Seit Mai gibt es auf dem Gubel bei Menzingen ein Bundesasylzentrum. Die Fotos zum Fokusthema "Auf der Flucht" wurden dort aufgenommen. In der Vorweihnachtszeit führte die Schule Menzingen ein Musikprojekt mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Zentrums durch. Die gemeinsame Reise führte bis nach Bern — und zu sich selbst.

Von Flurin Egler*

Erstens kommt es anders und zweitens als man will. Etwa so müssen sich viele Menzingerinnen und Menzinger gefühlt haben, als entschieden wurde, dass halt doch ein Bundesasylzentrum in Menzingen verwirklicht wird. Ziemlich direkt prallen seither zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Natürlich kommt diese Ansicht nicht ganz pauschalisierungsfrei daher. Dennoch sind Vorbehalte, wahrscheinlich auf beiden Seiten, nach wie vor vorhanden.

Schule mit Schlüsselrolle
Die Schule nimmt gerade in dieser Zeit eine Schlüsselrolle ein. Sie kann und soll einen objektiven Zugang zu den Themen Integration, Migration, Asylwesen, Fremde und Nähe, aber auch Religion ermöglichen. Als Institution trägt sie weder den Rucksack der lokalen Bevölkerung mit deren Ansichten und Ängsten noch jenen der Bewohnerinnen und Bewohner des Bundesasylzentrums. Sie soll ihre ursprünglichste Funktion wahrnehmen und Lernen für das Leben ermöglichen. Man führe sich nur einmal vor Augen, wie oft Vorbehalte in unserem restlichen Leben zu schier unüberwindbaren Hürden werden. Unsere politische Landschaft, wahrscheinlich inspiriert durch die, mindestens oberflächlich, klar einander entgegengesetzten politischen Kontrahenten einiger Grossmächte, kann als Beispiel dafür dienen.

Hört man sich in politischen Randgruppen Diskussionen über deren vermeintlichen Gegner an, tönt es jedenfalls oft auch nicht so, als wäre ein Minimum an Respekt und Toleranz für Andersdenkende vorhanden. Es liessen sich dafür unzählige Beispiele finden. Unter dem Strich bleiben Ängste, Unwissen und Fehlwissen, wichtige und halt auch ernst zu nehmende Ursachen für solches Verhalten. Es erstaunt daher kaum, dass auch die Äusserungen und Ansichten über die Bewohnerinnen und Bewohner des Bundesasylzentrums davon geprägt sind.

Ausgangslage nicht verdrängen
Diese Ausgangslage ist Basis für die Auseinandersetzung mit den genannten Themen. Sie aussen vor zu lassen, wäre eine grosse Hypothek und würde einer möglichst umfassenden Auf- und Bearbeitung im Weg stehen. Sich ein realistisches Bild der Ausgangslage aller Beteiligten zu machen, den Perspektivenwechsel zu suchen und zuzulassen und eben eine möglichst vorurteilsfreie Herangehensweise an den Tag zu legen, ist eine grosse Herausforderung. Und die Schule muss sich dieser Herausforderung stellen. Jetzt umso mehr denn je.

Individuelle Ziele, eigene Meinung
Ein Ziel für die Auseinandersetzung mit den Themen zu definieren, ist ebenso schwierig wie individuell. Darin kann aber gerade der Gewinn dieser Auseinandersetzung liegen. Die Meinungen sind danach hoffentlich fundierter als zuvor. Was kann man mehr erwarten? Sich eine eigene Meinung zu bilden, sollte das höhere Ziel sein. Einigkeit wäre ein zu hohes Ziel. Das Verständnis für andere Ansichten und Haltungen kann dadurch gestärkt werden. Dies mag zu Einigkeit in der Uneinigkeit führen, aber das wird die Beteiligten wohl kaum an einer konstruktiven Zusammenarbeit hindern.

Lernen am Modell
In der Schule sollten vor neutralem Hintergrund sachliche Diskussionen zu Themen geführt werden können, neue Zugänge ermöglicht und Lösungsansätze diskutiert werden. Es ist also immens wichtig, konstruktive Lösungsansätze aufzuzeigen. Sie sollen Modell sein. Bestenfalls dienen sie gar einmal dazu im späteren Leben.


Musikprojekt in Menzingen

Voller Enthusiasmus, etwas naiv und vor allem gespannt hiessen wir kurz vor Weihnachten zehn Gäste des Bundesasylzentrums willkommen. Für den Adventsprojekttag hatten wir Freiwillige eingeladen, an einem Musikprojekt der Schule Menzingen teilzunehmen. Die Behörden vor Ort zeigten sich sehr kooperativ, die Zusammenarbeit klappte wunderbar.

Das erste Treffen
Das erste Treffen war für alle eine spezielle Erfahrung. Wobei an diesem Beispiel wieder erkennbar wird, wie einseitig doch die Sicht der Dinge sein kann. Für die meisten von uns war es das erste oder zumindest eines der ersten Treffen mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Bundesasylzentrums, daher wahrscheinlich Asylsuchenden, und somit eine ungewohnte und spezielle Situation. Aus Sicht der Besucherinnen und Besucher lässt sich nur mutmassen, was sie wohl empfanden. Schliesslich trafen sie einige lokale Bewohner des Dorfes, in welchem, oder besser gesagt an dessen Rand sie einige Zeit verbringen. Soweit an und für sich nichts Aufregendes. Sie machten dennoch einen aufgestellten Eindruck und schienen sich zu freuen.

Die Vorbereitung
Während der Vorbereitung für dieses Treffen zeigten sich die unterschiedlichsten Ausgangslagen. Während einige Schülerinnen und Schüler dem Treffen schon fast gleichgültig entgegenschauten, warf dies bei anderen hohe Wellen. Natürlich mussten zuerst die Positionen bezogen werden. Die Standpunkte wurden dargelegt. Sicherheitshalber drückten sich einige deutlich aus. Sich jetzt nicht dazu hinreissen zu lassen eine, aus subjektiver Betrachtung, ideale Haltungen einfordern zu wollen, bedarf einer gewissen Portion Selbstdisziplin. Es wäre sicherlich auch der falsche Ansatz.

Musik als Brücke
Was folgte, war ein spannender Nachmittag. Nach einer Vorstellungsrunde stand schnell die Musik im Zentrum. Da sich unter den Gästen sogar ein Profimusiker befand, erhielt die Übungsphase eine neue Komponente. Er suchte nach einem passenden Instrument, welches schnell gefunden war. Nun sangen wir den Song „Affenbande" der Berner Band „Halunke" wohlgemerkt auf Berndeutsch (was für alle — Einheimische wie Gäste — eine Fremdsprache war) mit Begleitung Syrischer Trommelrhythmen. Durch die gemeinsamen Sprachschwierigkeiten und durch die Verbindung der musikalischen Elemente, welche sich wunderbar ergänzten, wandelte sich der Nachmittag langsam zu einer selbstverständlichen Probe, mit einem gemeinsamen Ziel. In kurzen Pausen entstanden spontane Gespräche und plötzlich tanzten zwei der Gäste einen traditionellen Tanz vor. Dies erstaunte einige Schülerinnen und Schüler. Das ganze Rollenverständnis wurde ein weiteres Mal arg strapaziert. Wir schlossen die Probe erfolgreich ab.


Auf nach Bern!

Am 29. November trafen wir uns dann vor der Schützenmatt in Menzingen. Schülerinnen und Schüler, Lehrer und sechs Bewohnerinnen und Bewohner des Bundeszentrums machten sich gemeinsam auf den Weg nach Bern, um die besagte Band bei ihrem Projekt für „Jeder Rappen zählt" zu unterstützen. Berndeutsche Texte sind auch für uns keine einfache Lektüre und für unsere Gäste erst recht nicht. Sie übersetzten den Text flugs nach dem Gehör in lautgetreue arabische Schriftzeichen und konnten so das ganze Lied mitsingen. Das Engagement, welches sie an den Tag legten, war beeindruckend. Worte wie Motivation, Engagement, Durchhaltevermögen, welche in unserem Berufsalltag sehr geläufig sind, erhielten eine komplett neue Dimension.

Unterschiede spielen plötzlich eine Nebenrolle
Auf der Reise, welche einige Zeit in Anspruch nahm, kamen sich die Beteiligten schnell näher. Gemeinsame Interessen — dazu zählen auch Fussball, Facebook oder verschiedene Games — standen schnell im Vordergrund und die ursprünglichen, ach so grossen Unterschiede mussten mit der Nebenrolle Vorlieb nehmen. Sprachliche Barrieren erwiesen sich als zu wenig hoch, um Kommunikation zu verhindern. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Die Schnittmenge an Englischkenntnissen reichte für die Verständigung. Die moderne Sprachdidaktik hätte ihre helle Freude daran gehabt. Die Hauptprobe und der Auftritt gelangen gut, sie waren aber auch bloss noch Formsache.

Ein Tropfen auf den heissen Stein?
Zu sehen, was direkte Begegnung und Auseinandersetzung bewirken können, ist beeindruckend. Und bewirkten sie auch nicht bei allen Beteiligten das gleiche, spurlos ist das Projekt an kaum jemandem vorbei gegangen. Würde dieser Weg öfter beschritten, könnten sicher viele Differenzen einfacher aus der Welt geschafft werden. Daraus können wir alle lernen. Ein Tropfen auf den heissen Stein? Mag sein! Aber immerhin.

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