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Ethik und Religion — Der interreligiöse Dialog

20.01.2015
Und plötzlich ist der interreligiöse Dialog in aller Munde. Das folgende, schriftlich geführte Interview mit Christian Rutishauser* fand im Dezember 2014 statt.  Ursprünglich vor Weihnachten für die ...
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Und plötzlich ist der interreligiöse Dialog in aller Munde. Das folgende, schriftlich geführte Interview mit Christian Rutishauser* fand im Dezember 2014 statt.  Ursprünglich vor Weihnachten für die Veröffentlichung vorgesehen, dann aber aus redaktionellen Gründen geschoben, eignet sich der Beitrag ganz besonders als Einstieg in ein Jahr, das uns gleich zu Beginn an die Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs erinnerte.

Die Fragen stellte Lukas Fürrer

Fangen wir ganz vorne an: Weshalb braucht es Religionen?
Religionen helfen, dem Menschen den Sinn des Lebens und der Wirklichkeit als Ganzes zu erschliessen. Sie vermitteln Werte und leiten zu einem Handeln an, das nicht nur von Alltagsinteressen bestimmt ist. Religionen befassen sich mit den „letzten Fragen", die jeden Mensch angehen. Gerade auch die Erfahrung von Sterblichkeit oder Leiden, der Ungerechtigkeit, der Schönheit und Ekstase rufen die Religionen auf den Plan. In Ritualen ermöglichen sie dem Menschen, sich existentiell von letzten Überzeugungen prägen zu lassen. In symbolischen Zeichen und Bildern vergegenwärtigen sie geistige und geistliche Wirklichkeiten. In ihnen scheint zudem ein Langzeitgedächtnis auf, das Erfahrung und Wissen aus Jahrtausenden zugänglich macht. Daher spreche ich gerne von religiösen Traditionen.

Wenn Sie sich zurückerinnern, wann und wie haben Sie sich selbst zum ersten Mal für eine andere Religion interessiert?
Diejenigen, die „anders glauben" waren in meiner Kindheit zuerst die Protestanten, also eine andere christliche Konfession. Dann wurde auch von den Juden gesprochen. Sie stellten für das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin wie für die traditionelle Schweizer Gesellschaft, die andere Religion dar. Von den übrigen Religionen hörte ich als Kind in der Schule nur im Zusammenhang mit Lernen über Kulturen aus anderen Kontinenten.

Wie muss ich mir den Dialog zwischen den verschiedenen Religionsgruppen in der Schweiz vorstellen?
Es gibt den Dialog des Alltags, wo Menschen verschiedener religiöser Traditionen nebeneinander und miteinander leben. Sie kommen ins Gespräch, wollen verstehen, was der Andere z. B. für Feste feiert und wie er lebt. Fragen des Religionsunterrichts und der Essensgewohnheiten, der Krankenpflege und der Beerdigungsriten etc. bringen uns ganz natürlich in einen interreligiösen Dialog. Zudem wird der Dialog bestimmt durch Austausch und Information über Weltanschauung, Menschenbild, ethisches Verhalten, Glaubensüberzeugungen. Ich bezeichne den Dialog als eine Begegnung und einen Austausch, wo Menschen auf gleicher Augenhöhe über ihre religiöse Überzeugung ins Gespräch kommen, gemeinsam oder bewusst nebeneinander beten und feiern oder sich über Religionsgrenzen hinweg gemeinsam für ein soziales Anliegen engagieren.

Welches Ziel hat der interreligiöse Dialog?
Das Wort ist Programm: Dialog kommt von dia logos, durch das Wort. Im Dialog setzt sich der Menschen gewaltfrei mit den Menschen anderer Glaubensüberzeugungen auseinander. So hilft er mit dem Fremden umzugehen und es langsam zu verstehen. Brücken zum Anderen sollen gebaut werden. Dies ist notwendig, um im Frieden und sozialverträglich miteinander zu leben. Es geht aber auch um die Suche nach Wahrheit und echtem Leben. Es geht auf jeden Fall nicht darum, eine Einheitsreligion zu schaffen oder zu missionieren. Respektvolles, friedliches und produktives Zueinander und Miteinander ist das Ziel. Natürlich muss trotzdem jeder Einzelne die Freiheit haben, auch die Glaubensgemeinschaft zu wechseln.

Wenden wir uns der Schweiz zu. Auf welcher Grundlage findet interreligiöser Dialog statt? Wer engagiert sich dafür?
Die röm.-kath. Kirche hat im Zweiten Vatikanischen Konzil mit ihrer Grundsatzerklärung zum Dialog Nostra aetate von 1965 eine Vorreiterrolle eingenommen. Andere Kirchen sind gefolgt, während viele zivile Organisationen noch lange ganz von der Säkularisierungsüberzeugung geprägt waren. Sie haben sich nicht den Religionen zugewandt. Heutzutage haben sich in der Schweiz verschiedenste Institutionen dem Dialog verpflichtet: Im Kanton Zug widmet sich das Lassalle-Haus als spirituelles Zentrum dem interreligiösen Dialog und bietet darin sogar einen Master-Lehrgang an; in Bern öffnete eben das „Haus der Religionen" seine Tore; in Zürich gibt es das Zürcher Lehrhaus, wo Judentum, Christentum und Islam miteinander ins Gespräch gebracht werden. Das Dialoginstitut in Zürich ist wiederum eine muslimische Initiative. An Fachhochschulen wird das Interreligiöse vor allem im Kontext von interkultureller Kommunikation gelehrt, noch etwas stiefmütterlich. Universitäten mit der Religionswissenschaft und mit den theologischen Fakultäten bilden oft Grundlagenarbeit für einen Dialog.

Gibt es so etwas wie offizielle Gefässe oder Plattformen?
Die IRAS/Cotis ist die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft der Schweiz. Dann gibt es den „Tisch der Religionen" und den Interreligiösen Think-Tank von Frauen, der letztes Jahr einen Leitfaden zum interreligiösen Lernen veröffentlicht hat. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) wie auch die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) haben je eigene Dialoggremien mit Juden und Muslimen. Auf jüdischer Seite engagiert sich der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und muslimischerseits z. B. die Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich. (VIOZ)

Welches sind die aktuell wichtigsten Traktanden des interreligiösen Dialogs?
Der Dialog von Schweizern – verstehen sie sich als Christen, Juden oder Säkulare – mit Muslimen hat die höchste Aktualität. Die grosse Präsenz von Muslimen ist ein neues Phänomen in unserem Land. Die angespannten politischen Situationen in zahlreichen muslimischen Ländern fordern ebenso Aufmerksamkeit. Das Verhältnis von Islam zur Demokratie, zu den Menschenrechten, zur westlichen Gesellschaftsordnung etc. steht oft zur Debatte. Die Religionen allgemein stehen in der Öffentlichkeit unter Verdacht, sie würden zur Gewalt neigen. Wer genau hinschaut, stellt fest, dass sich die eigentliche Debatte oft weniger zwischen den Religionsgemeinschaften abspielt, sondern sich zwischen diesen und der säkularen, modernen Welt.

Welche Ziele hat der interreligiöse Dialog in der Schweiz?
Die Ziele sind selbstverständlich vielfältig, da es nicht „den" interreligiösen Dialog gibt, sondern verschiedenste Initiativen. Ein Ziel, das alle verbindet, ist einen Beitrag zu einem sozialverträglichen Zusammenleben zu leisten. Die Schweiz ist nicht nur Teil einer globalisierten Welt. Die Schweiz hat eine globalisierte Gesellschaft. Es geht immer um Bildung und Aufklärung, um gemeinsame Anliegen und den Abbau von Vorurteilen.

Was wurde bisher erreicht? Können Sie ein konkretes Beispiel machen?
Wenn ich an den Schulunterricht denke, so werden heute die verschiedenen Religionen in einer gewissen Selbstverständlichkeit gelehrt. Alte stereotype und verachtende Beschreibungen sind aus einer einigermassen gebildeten Mittelschicht verschwunden, z. B. Mohammed als ein hysterischer Epileptiker, die Juden als perfide Gottesmörder, Inder als Heiden oder Götzendiener, Buddhisten als „Religionslose". Gerade die asiatischen religiösen Traditionen üben vielmehr auf eine säkulare, oft sinnentleerte Wohlstandsgesellschaft eine grosse Faszination aus. Spiritualität aus Asien lässt sich privat und individualistisch leben und unterfüttert Leben mit Sinn. Ob dies dann aber viel mit echtem interreligiösen Dialog zu tun hat, ist eher zu bezweifeln.

Was wurde nicht erreicht bzw. was müsste noch erreicht werden?
In den Glaubensgemeinschaften selbst besteht zum Teil eine Angst vor dem interreligiösen Dialog, weil man glaubt, er würde die eigene Position verwässern. So gibt es innere Widerstände. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass angesichts der anderen Tradition zwar oft zunächst Irritationen auftreten, auf längere Zeit die Verwurzelung im eigenen Glauben aber oft zunimmt. Natürlich kommt es auch zu Konversionen, wobei dann auch die neue Weltanschauung sehr bewusst gelebt wird. Eine viel überraschendere Tatsache besteht aber darin, dass sich Glaubende verschiedener Religionsgemeinschaften oft besser verstehen als säkulare Zeitgenossen mit Glaubenden verschiedener Traditionen umgehen können. In der Moderne ist der Sinn für Religion an sich oft abhanden gekommen. Gerade in Europa und in der Schweiz spuken noch sehr viele Vorurteile gegenüber Religionen im Kopf herum; die eigene Geschichte mit der Kirche scheint noch zu wenig verarbeitet. Der Dialog der Religionen mit der Moderne – auf Augenhöhe und so, dass beide voneinander lernen – müsste noch viel mehr gefördert werden.

Wo stösst der Dialog an Grenzen oder wo wird er besonders herausgefordert?
Angesichts von fundamentalistischem Glauben und ideologischen Überzeugungen ist der Dialog meistens machtlos. Der Dialog setzt auf Freiheit, auf Begegnung und auf Respekt voreinander. Fundamentalismus ist aber gewalttätig, wenn auch manchmal sehr subtil. Säkulare Verachtung von Glauben, weil dieser für veraltet oder irrational gehalten wird, ist auch ein Hindernis für den Dialog. Ob sich der Mensch auf Andersdenkende und Andersgläubige einlassen kann, ist oft eine psychologische Frage. Umgang mit dem Fremden, gerade wenn es in der Form von Letztüberzeugungen daher kommt, stellt einem selbst in Frage. Auf jeden Fall braucht es Persönlichkeitsbildung.

Wer nimmt warum nicht am Dialog teil?
Interreligiöser Dialog ist ein Teil von Bildung und Verantwortungsübernahme für das Gemeinwohl. Es gibt zahlreiche Menschen, die sind mit sich selbst beschäftigt und Bildung wird nur berufsspezifisch verfolgt, weil sie eine Notwendigkeit für die Lohnarbeit ist. Zudem ist Religion in unserer Gesellschaft ein Nebenthema geworden. Kurzfristigere Ziele stehen mehr im Vordergrund als langfristige und grundsätzliche Überlegungen. So ist interreligiöser Dialog wie Religion überhaupt für viele Menschen kein Thema.

Welche Kritik hört man am meisten?
Religiöse Hardliner kritisieren den Dialog als eine Glaubenszersetzung. Sie lehnen den Dialog ab. Vielleicht ist die grösste Kritik an ihm jedoch darin, dass er von vielen Menschen ignoriert wird.

Die Religion macht auch vor der Schule nicht Halt. In welcher Form kann die Schule den interreligiösen Dialog führen? Soll sie teilhaben oder die Finger davon lassen?
Jeder Mensch muss sich mit Ethik und Werten, Weltdeutung und letzten Fragen auseinandersetzen, um eine eigene Identität zu bilden. Religion gehört also dazu. Religion ohne Bildung ist gefährlich, wie alle grossen Traditionen wissen. Es entsteht Aberglaube und Fundamentalismus. Da wir in einer offenen Gesellschaft mit Menschen aus verschiedenen religiösen Traditionen leben und Zugehörigkeiten in einer Biographie auch ändern können, braucht es die Befähigung mit Verschiedenheit umzugehen. Interreligiöser Dialog gehört an die Schule wie interkulturelle Bildung.

Gestatten Sie mir eine persönliche Frage zum Schluss? Sie kennen die anderen Religionen sehr gut. Weshalb sind Sie Christ geblieben?
Jede religiöse Tradition wird von Menschen verkörpert, die sie besser oder weniger gut leben. Unliebsame Kirchenvertreter oder Fehler von Institutionen z.B. hätten mich nie bewegen können, meinen Glauben zu wechseln. Dies empfinde ich zu billig. Weniger das real gelebte Christentum, sondern die Botschaft und der Sprengstoff, der in dieser Tradition drin ist, hat mich gerade nach langen Studien von Philosophie und Religionen in der Überzeugung gestärkt, Christ zu sein. Mein Christsein hat mich zu Dialog befähigt, wie ich es von vielen säkularen Menschen wünschen würde. Im Judentum und im Buddhismus, aber auch im Islam habe ich viele überzeugende Lehren und Haltungen kennengelernt. Ich schätze sie und eigne mir einiges an. Auch habe ich vor Muslimen, Juden, Hindus etc., die ihre Lebensüberzeugung ernsthaft zu leben versuchen, grosses Ansehen. Doch es geht ja nicht allein um Lehre und Ethik. Jemand muss Glaube konkret leben! Die Botschaft von dem durch Kreuzigung gescheiterten Wanderprediger Jesus und seine Auferweckung von den Toten durch Gott ist eine Geschichte, die keinem denkenden Menschen in den Sinn kommen kann und gerade daher so überzeugend ist.


* Pater Dr. Christian M. Rutishauser SJ ist Provinzial der Schweizer Jesuiten. Von 2001 - 2012 Bildungsleiter im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn (zwischen Menzingen und Zug gelegen) Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung; Arbeit im Bereich Theologie der Spiritualität sowie Exerzitien und Kontemplation; diverse Lehraufträge für Jüdische Studien in München, Fribourg, Jerusalem und Rom; Mitglied der Jüdisch/Röm.-kath. Gesprächskommission der Schweizer und der Deutschen Bischofskonferenz; ständiger Berater des Heiligen Stuhls für Belange des Judentums. 2011 verwirklichte er sein Pilgerprojekt „Zu Fuss nach Jerusalem" (Patmos-Verlag 2012) vom Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, Zug, aus.

 

 

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