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Ethik und Religion — Keine Zeit für Ethik?

17.02.2015
Stoffdruck und weitere Sachzwänge bedrängen das Philosophieren in der Schule. Im Ringen um die richtige Balance zwischen Druck und philosophischer Auseinandersetzung spielen Nischen und Momente eine ...
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Stoffdruck und weitere Sachzwänge bedrängen das Philosophieren in der Schule. Im Ringen um die richtige Balance zwischen Druck und philosophischer Auseinandersetzung spielen Nischen und Momente eine wichtige Rolle. Auch der Klassenrat kann genutzt werden.

Von Jonas Schönknecht *

An der Tafel, in einigermassen leserlicher Lehrerschrift, stehen folgende Worte:
Märchen sind mehr als nur wahr – nicht deshalb, weil sie uns sagen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns sagen, dass man Drachen besiegen kann" – G. K. Chesterton.
Lehrer: Was könnte das wohl bedeuten? Die Schülerinnen und Schüler beginnen zu grübeln. Nach und nach melden sie sich zu Wort und teilen ihre Meinungen mit. Zunächst gelten die Antworten lediglich der Lehrperson, doch nach und nach bilden sich Argumente, auf die Gegenargumente der Mitschüler und Mitschülerinnen folgen:

„Ich glaube nicht, dass Märchen wahr sind, weil sie erfunden sind."
„Märchen sind ja eben nicht wahr, deshalb können sie ja nicht mehr als wahr sein."
„Sie, es macht doch gar keinen Sinn. Es kann doch nichts mehr als wahr sein?"
„Aber alle Märchen haben ja etwas Wahres."
„Jemand hat aber doch diese Märchen erfunden, also können sie gar nicht wahr sein."

Die Meinungen teilen sich immer mehr, doch auf den Kern der Frage wurde fast nicht eingegangen. Was ist denn mehr als wahr? Plötzlich meldet sich ein Schüler zu Wort, der sich noch nicht mitgeteilt hat und auch selten an hitzigen Diskussionen teilnimmt: „Wir kennen ja NUR die Wahrheit. Dabei gibt es MEHR als nur die Wahrheit. Es gibt sehr vieles, was wir nicht genau wissen. Das heisst aber nicht, dass es das nicht gibt." Dem Lehrer verschlägt es die Sprache...WOW...Der Unterricht wird kurz pausiert, zumindest fühlt es sich für den Lehrer so an, denn die Weltansicht des Lehrers muss in Frage gestellt werden. Von diesen Gedankengängen merken die Schülerinnen und Schüler jedoch nichts, denn dies alles geschieht im Bruchteil einer Sekunde und im nächsten Moment kehrt der normale Schulalltag wieder ein.

Diese kleine Anekdote aus meinem Unterricht hat sich im August 2014, anfangs Semester, zugetragen. Ich betrachte dieses Erlebnis als einen Meilenstein meiner „Karriere".


Klassenrat als Ethikersatz
Gehört der Klassenrat nun zum Fach Ethik oder Deutsch? Rechtfertigt der wöchentliche Austausch, bei dem die Kinder versuchen ihre Meinung einzubringen, die Bezeichnung ethische Bildung oder ist es vielmehr eine Übung für den mündlichen Sprachgebrauch? Immer wieder haben wir diese Fragen vernommen und darüber debattiert.
In der Ethik haben wir den Umgang mit grossen Fragen gelernt. Wir haben geübt, wie mit Kindern philosophiert wird und wie wir heikle Themen in der Klasse behandeln können. Ich war begeistert davon und auch ich war entsetzt, dass der Klassenrat als Ausrede für Ethik im Unterricht gilt. In den Praktika habe ich mehrere grosse Ethik-Projekte durchgeführt und war mit den Resultaten immer zufrieden. Ich war mir sicher, dass ich auch in meiner Klasse viele solche Projekte durchführen werde, dem war jedoch nicht so.
Schnell wurde mir klar, dass der Themendruck auf der MS II Wirklichkeit ist. Neben dem Lehrplan, den vielen benötigten Noten, den Überfachlichen Kompetenzen und all den Sonderanlässen haben grosse Ethik-Projekte nicht immer Platz. Selbst der Klassenrat war für mich keine Möglichkeit, um ethische Fragen zu besprechen.
Im Verlaufe der Zeit habe ich jedoch eine Balance zwischen Notendruck und philosophischen Auseinandersetzungen gefunden, wie sich in der einleitenden Anekdote zeigt. Ich habe auch gelernt, dass man den Klassenrat wirklich als ethisches Mittel einsetzen kann.
Anhand eines kleinen Beispiels vom Ende meines ersten Schuljahres möchte ich veranschaulichen, wie man den Klassenrat nutzen kann, um ein pendentes Problem mit den Schülerinnen und Schülern zu bearbeiten, ohne gleich ein riesiges Ethik-Projekt aufzugleisen.

Klassenrat zum Thema Auslachen
Wir hatten wieder einmal Klassenrat im Freien, was immer wieder erfrischend ist. In dieser Runde im Wald, neben dem zuvor entfachten Lagerfeuer, habe ich mit den Schülerinnen und Schülern eine spontane Übung zu „Mobbing", oder einfacher ausgedrückt „einander beleidigen und auslachen", gemacht. In den vorhergehenden Wochen war dies leider wieder häufiger ein Problem. Die Kinder sassen im Kreis und erhielten alle einen Zettel. Auf diesen mussten sie folgende zwei Dinge aufschreiben:

1. Die Beleidigung/Handlung, die sie bisher am meisten verletzt hat
2. Die schlimmste Beleidigung/Handlung, die sie je jemandem zugefügt haben

Ich habe der Klasse gesagt, dass es sich hier um persönliche Dinge handelt, die ernst genommen werden sollen und über die nicht gelacht wird! Für allfällige Witzbolde hatte ich schon eine Strafe bereitgelegt. Die Kinder erzählten eines nach dem anderen von all den schlimmen Worten. Manchmal war es ganz schwierig. Alle blieben ernst. Alle hörten aufmerksam zu. Alle fühlten mit. Niemand hat gelacht. Im Anschluss kam die zweite Runde. Die Kinder erzählten von den schlimmen Dingen, die sie anderen getan hatten. Die Stimmung war „heiter". Die Kinder erzählten lockerer, lachten öfters und hörten nicht immer gleich aufmerksam zu.
Im Anschluss wollte ich von den Kindern hören, worin sich diese zwei Runden unterschieden hatten. Recht schnell kam die Antwort, auf die ich hinauswollte: „In der ersten Runde waren wir alle ernst und in der zweiten haben wir viel mehr gelacht." Darauf ging ich ein und fragte:
„Wieso es wohl so ist, dass wir bei uns selber so ernst sind und miteinander mitfühlen? Wieso sind wir bei anderen so locker? Fühlen diese denn nichts?" Schnell schon kamen die Ausreden:
„Ja aber der andere hat ja angefangen!" „Ich habe mich nur gewehrt!"
Aus dieser hitzigen Diskussion bin ich gleich in unser damaliges M&U Thema, Weltreligionen, gesprungen und habe sie gefragt, was denn Jesus dazu gesagt hat, wenn man ins Gesicht geschlagen wird. Die Aussage „so haltet die zweite Wange hin" hat die SuS sehr getroffen.
Zu Beginn waren sie nicht einverstanden damit, doch immer mehr konnten sie die Aussage nachvollziehen und auf ihre Erlebnisse übertragen. Es ging auch weiter mit dem „Karma" und Sprüchen wie „was du säst, das erntest du".
Leider, wie es so ist mit philosophischen Gesprächen, rennt irgendwann die Zeit davon. So konnten wir die absolute, richtige Antwort nicht finden, doch wir haben uns zumindest die Zeit genommen danach zu suchen. Ich bin tief überzeugt, dass die meisten Kinder einiges von diesem Gespräch mitnehmen konnten.

Ethik als Grundhaltung
Egal ob der Klassenrat dem Deutsch- oder dem Ethikunterricht zugeordnet wird, die deutsche Sprache ist der Grundbaustein jedes Austausches in der Schule. Somit empfinde ich den Klassenrat als Bindeglied zweier Fächer. Die Tiefgründigkeit der ethischen Schule wird im korrekten Umgang mit der deutschen Sprache eingebettet. Das Problem, dass der Klassenrat als ethisches Fach mit sich bringt, ist der fehlende Tiefgang. Nicht jeder Klassenrat kann tiefe philosophische Gespräche beinhalten. Ab und zu wird nur über die Woche und anstehende Traktanden gesprochen. Hin und wieder geht es nur um einen gemeinsamen Austausch.
Wichtig ist lediglich, dass sich die Lehrperson für die kleinen Gelegenheiten der Philosophie öffnet und die Ethik als Grundhaltung der Bildung und Erziehung sieht — denn wer ist der Mensch ohne moralische Dilemmas?

* Ich heisse Jonas Schönknecht, bin 25 Jahre alt und unterrichte in Cham. Ich liebe es zu lesen und mich in spannende Filme zu vertiefen. Meine grösste Leidenschaft ist die Musik, egal ob das Singen im Chor oder alleine, das Klavierspiel oder das Komponieren.
Ich habe mit dem Unterrichten meine totale Leidenschaft gefunden, die ich jeden Tag ausleben kann.

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