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Ethik und Religion — Von Denkräumen und Denkbrücken

02.12.2014
Philosophieren mit Kindern: Drei Gründe, weshalb nicht darauf verzichtet werden sollte. Erlebnisse und Beispiele aus dem eigenen Schulalltag, von Denkräumen, Denkbrücken, Aristoteles und wunderbaren ...
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Philosophieren mit Kindern: Drei Gründe, weshalb nicht darauf verzichtet werden sollte. Erlebnisse und Beispiele aus dem eigenen Schulalltag, von Denkräumen, Denkbrücken, Aristoteles und wunderbaren Kinderweisheiten.

Von Doris Hausheer

1. Kinder mögen philosophische und ethische Fragestellungen
Kinder fragen, wenn wir sie lassen und wenn wir sie nicht mit unseren Antworten zum Schweigen bringen. Sie erfragen das Leben, Gott und die Welt. Sie wollen wissen, was darüber, darunter, dahinter steckt. Woher wir kommen. Wohin wir gehen. Und wo der Himmel aufhört. Immer wieder verraten mir Kinder, dass diese Fragen im Kopf seien. Meistens nachts vor dem Einschlafen kommen sie hervor und machen, dass das Kind nicht gut einschlafen kann. Ich sammle seit Jahren Kinderfragen, vorzugsweise solche, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Philosophische Fragen eben. In meinem Schulzimmer nehmen sie einen Ehrenplatz ein. Wer fragt, gewinnt!

2. „Selber denken macht schlau." (Eva Zoller)
Kinder sind durchaus in der Lage, über philosophische Fragen und ethische Themen nachzudenken. Was sie dazu brauchen, sind Gelegenheiten – Denkräume. Dort sind für einmal nicht die üblichen „erwarteten  Schülerantworten" gefragt, sondern die ureigenen Gedankenfolgen der Kinder. Es braucht in der Regel  etwas Zeit und Übung, bis sich die Denkenden aus dem Richtig-Falsch- Schema gelöst haben.

Ich eröffne solche Denkräume im Rahmen eines freiwilligen Förderunterrichts für Kinder mit kognitiv überdurchschnittlichen Fähigkeiten. Sie verlassen den Regelunterricht wöchentlich während einer Doppellektion, um sich mit ähnlich starken und ähnlich interessierten Lernenden zu treffen.

In der Philo-Runde suchen die Kinder gemeinsam nach Antworten auf ihre  spannenden Fragen. Sie tauschen ihre Beobachtungen, Erfahrungen  und Vermutungen aus. Sie argumentieren und diskutieren. Und wenn am Ende eine neue Idee, etwas erstmalig Gedachtes, eine überraschende Schlussfolgerung  oder gar eine gute Erkenntnis formuliert werden kann, dann hat sich das differenzierte – und manchmal etwas anstrengende –  Nachdenken gelohnt. Wer denkt, gewinnt!

Beispiel "Denkbrücke"
Geistige Höhenflüge sind beim Philosophieren erlaubt und erwünscht. Die Denkbrücke kann helfen, wieder sicher auf den Boden des Alltäglichen zurückzufinden. Während des Gesprächs notiere ich auf Zetteln die Gedanken der Kinder. Am Schluss werden die Zettel an die Denkbrücke geheftet. So wird  rückblickend der Gesprächsverlauf, der Denkbogen (Zoller) sichtbar.

Wer eine Brücke überquert hat, steht jetzt auf anderem Grund. War eine philosophische Frage der Ausgangspunkt des Gesprächs, so können jetzt Lieblingsantworten oder spannende Ideen mitgenommen werden. Je nach Thema hat sich während des gemeinsamen Nachdenkens das Handlungsrepertoire der Kinder erweitert.

Beispiel "Aristoteles"
Staunen können. Über die Schöpfung als Ganzes. Vielfältiges Leben – kostbar und schützenswert.

Das Ganze
ist mehr
als
die Summe
der einzelnen Teile.
       (nach Aristoteles)

Die Schülerinnen und Schüler bauen aus Zahnstochern und Kichererbsen Phantasietürme. Diesen Gebilden stelle ich obigen Satz gegenüber. Die Kinder erkennen den Zusammenhang spontan. Ich erkläre, dass Aristoteles ein Naturforscher und Philosoph war und vor mehr als 2000 Jahren gelebt hat. Was könnte er mit obigem Satz gemeint haben? Und was auch noch? Die Kinder suchen nach Beispielen aus der Natur. Anschliessend formulieren sie den Satz um. Dafür nehmen sie die gesammelten Naturbeispiele oder auch Beispiele aus dem alltäglichen Leben zu Hilfe:

Ein Wald ist mehr als viele Bäume.
Eine Geschichte ist mehr als hundert Sätze.
Eine Klasse ist mehr als zwanzig Schüler.
Eine Band kann mehr als jeder einzelne Musiker.
Ein Kind ist mehr als Kopf, Hände, Füsse, Bauch...
Zuckermandeln sind viel besser als Zucker und Mandeln.
Eine Mauer ist mehr als ein Haufen Steine – für die Zauneidechsen.

Das folgende sokratische Gespräch schliesst die Lektion ab:

Lehrerin: Ihr habt mit euren Beispielen den Satz des Aristoteles erklärt. Alles sind positive Beispiele. Könnte der Satz auch  Negatives meinen?

A: Krieg. Ich meine, ein Einzelner kann keinen Krieg machen.
J: Aber ein Einzelner kann einen Krieg befehlen. Die andern machen einfach mit. Sie gehorchen.
A: Wenn niemand gehorchen würde, gäbe es keinen Krieg.
F: Es sind die verschiedenen Meinungen, die zum Krieg führen. Es gibt auch immer Menschen, die mitmachen, wenn ein Krieg befohlen wird.

Lehrerin: Wann ist es schlecht, verschiedener Meinung zu sein?
A: Wenn man deswegen Gewalt anwendet, dann ist es schlecht.

Lehrerin: Woher kennt ihr das? Nennt Beispiele!

E: Ich bin noch nie geschlagen worden, wenn ich eine andere Meinung hatte, aber ausgelacht schon.
S: Meine Freundin wird manchmal auf dem Heimweg von den andern ausgelacht. Es ist schlimmer, wenn man von mehreren ausgelacht wird als von einer Person.
E: Einmal haben wir eine Schneeballschlacht gemacht. Plötzlich haben alle Jungen auf mich geworfen. Am Anfang habe ich das lustig gefunden, aber dann nicht mehr. Ich hatte Angst. Ich konnte mich nicht wehren. Das ist auch so ein Beispiel. Ein einzelner Schneeball ist nicht schlimm, aber viele Schneebälle auf eine Person schon.
S: Das ist auch mit dem Auslachen so. Und mit dem Streit. Wenn es einmal passiert, hält man es aus. Wenn es immer wieder passiert, ist es sehr schlimm, auch wenn die einzelnen Worte oder Sätze gar kein grosses Problem sind.

Lehrerin: Wie kann man so etwas aufhalten oder verändern?

F: Allein kannst du gar nichts machen. Du hast keine Chance. Da muss dir jemand zu Hilfe kommen.
S: Aber das ist auch nicht einfach. Es müssten mehrere sein, die mitmachen, sonst kommt man selber dran. Je mehr, umso besser.
A: Jetzt kommt mir wieder ein positives Beispiel über den Satz des Aristoteles in den Sinn. Wenn man solche Erlebnisse hat, wo man einander hilft, dann sind die einzelnen Erlebnisse nichts Besonderes, aber alle Erlebnisse miteinander machen, dass man Freunde wird.

3. Philosophische Perlen – Kinderweisheit
Hin und wieder sind Aussagen von Kindern zu hören oder zu lesen, die ganz besonders berühren und die Denkwelt ein Stückchen reicher machen.

Manchmal denke ich nach — Ist es mit dem Glück wie mit dem Wasser auf der Erde? Es hat nur eine bestimmte Menge. Wenn also jemand viel davon hat, hat dafür jemand anderer weniger? Oder ist es ganz anders? Vielleicht kann man Glück vermehren? Vielleicht kann man es selbst erschaffen? Und verteilen auf der ganzen Welt?

Laura,11 Jahre

Gibt es Gott? — Gott kann man nicht sehen. Es gibt auch andere Dinge, die man nicht sehen kann – Luft, die Adjektive – es gibt sie trotzdem. Wir glauben in der Familie nicht an Gott. Einmal, da habe ich ganz fest an Gott geglaubt, weil mein Hase verschwunden war. Am andern Tag war der Hase wieder da. Wenn ich mir Gott vorstelle, dann ist er in meinen Gedanken. Ich kann nicht mit ihm reden. Ich kann mit ihm denken. In meiner Fantasie ist Gott auf der Sonne, ganz gelb. Er hat viele Arme, für jeden Menschen einen. Wir können nicht sicher wissen, dass es Gott gibt. Gott gibt es in den Religionen, im Glauben. Gott gibt es, wenn die Menschen an ihn glauben.                                                                 

(Drittklässler)

Das Nichts — Wenn ich nachts im Bett liege, dann denke ich darüber nach, ob das Universum irgendwo aufhört. Ich denke, um diese Frage zu beantworten, muss ich zuerst wissen, ob das Nichts existiert. Erst dann ist es möglich, dass das Universum aufhört. Jetzt probiere ich immer herauszufinden, ob es NICHTS gibt.

Alina, 12 Jahre

Glück — Zum Glück gehört  die Geduld. Ich weiss das, weil ich fische.

Tim, 9 Jahre

Am Anfang war das Kind. Und das Kind spielte. Es hatte nichts als eine Kugel. Als eines Tages die Kugel auf den Boden fiel und zerbrach, kullerten neun Planeten heraus. Einer davon hiess Erde. Das Kind machte Adam und die Kobra. Sie hatten es gut miteinander, ausser dass die Kobra dauernd Lust auf Äpfel verspürte. Es hatte damals nämlich noch keine Äpfel auf der Erde. Sie bestürmte Adam damit, bis es ihm zu bunt wurde. So sehnte er sich nach einem anderen Menschen. Also machte das Kind Eva und gab ihr einen Apfel in die Hand. Weil aber Eva sich vor der Kobra ekelte, musste Adam die Schlange füttern. Kaum hatte sie vom Apfel gegessen, verwandelte sie sich in einen Hund. Jetzt freute sich Eva und spielte mit dem Hund, aber Adam mochte Hunde nicht besonders. Er gab dem Hund wieder vom Apfel zu fressen; er verwandelte sich in einen Tiger. Nun freuten sich beide - Adam und Eva. Die Erde füllte sich mit Menschen, Tieren und Pflanzen. Und das Kind freute sich auch. Es langweilte sich nie mehr.

Eliane, Nina, Jara, Sarah, 4. Kl.

 

Doris Hausheer, Primarlehrerin und Fachfrau für Begabungs- und Begabtenförderung, leitet an den Schulen Sempach die Förderwerkstatt Adlerhost, ein Angebot für Kinder mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten in den kognitiven Bereichen.

Thematische Schwerpunkte:
Stärkenorientiertes Lernen
Philosophieren mit Kindern
Schreibwerkstatt: Arbeit mit Geschichten, autobiographisches Schreiben mit Kindern

doris.hausheer@gmail.com

 

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