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Was Kinder und Jugendliche stark macht

Widrigsten Lebensumständen zum Trotz können sich junge Menschen zu unauffälligen, seelisch gesunden Erwachsenen entwickeln. Welche Faktoren sind daran beteiligt?  Von Hansheini Fontanive* Dazu ...
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Widrigsten Lebensumständen zum Trotz können sich junge Menschen zu unauffälligen, seelisch gesunden Erwachsenen entwickeln. Welche Faktoren sind daran beteiligt? 

Von Hansheini Fontanive*

Dazu werden verschiedene Ansätze zum Verständnis der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu seelischer Widerstandskraft und Gesundheit erläutert. Sie geben Hinweise für den Erziehungsalltag in Familie und Schule.

Sichere Bindungen
Das Bedürfnis nach konstanten, liebevollen Beziehungen ist elementar und bildet die Grundlage für jede gesunde Entwicklung des Menschen. Liebevolle, konstante und unterstützende emotionale Beziehungen bilden die wichtigste und früheste Grundlage für die intellektuelle und soziale Entwicklung eines Kindes. Eine sichere Bindung an mindestens einen Menschen, meistens an die leibliche Mutter, schenkt Warmherzigkeit, Intimität und Wohlbehagen. Dies vermittelt dem Kind physische und psychische Sicherheit und schützt es vor körperlichen und seelischen Verletzungen oder gar Krankheiten. Sichere, einfühlsame und altersgerechte Beziehungen helfen dem Kind, grundlegende Fähigkeiten aufzubauen, wie z. B. sich und der Umwelt zu vertrauen (Grund- oder Urvertrauen) oder sich in andere Menschen einfühlen zu können (Empathiefähigkeit). Diese Fähigkeiten ermöglichen ihm später, eigenständige Beziehungen zu Gleichaltrigen und zu Erwachsenen aufzunehmen.

Selbstsicherheit und Selbstwertschätzung
Die Wertschätzung der eigenen Person hat weit reichende Auswirkungen auf Erleben und Verhalten eines Menschen. Personen mit höherer Selbstsicherheit oder Selbstwertschätzung zeigen ein höheres Wohlbefinden und neigen weniger zu Depressionen.
Selbstwertschätzung ist subjektiv und drückt aus, wie eine Person zu sich selber steht und wie sie über sich und die eigenen Leistungen denkt. Ein angemessenes Selbstwertgefühl entsteht durch einen Wechselwirkungsprozess zwischen der Anlage (genetische Komponente) und der Umwelt (insbesondere den Bezugspersonen). Der Interaktionsprozess zwischen Eltern und Kindern und der Erziehungsstil spielen somit für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühles eine wichtige Rolle.
Schon früh beginnt das Kind mit Einschätzungen und Bewertungen («gut» – «böse»), sammelt Wissen über sich und entwickelt Haltungen zur eigenen Person (z.B. «Ich bin hübsch», «Ich mag mich»). Im Alter von sechs Jahren erfolgen Selbstbewertungen hauptsächlich auf der Basis von bereits Gelerntem (z.B. Velo fahren, die Schuhe binden usw.). Ab dem Kindergartenalter wird zudem der Vergleich mit den andern Kindern wichtig.
Mit der Einschulung kann eine Unsicherheit oder ein erster Einschnitt in der Selbstwertschätzung erfolgen, da das Kind vielleicht feststellen muss, dass es nicht so perfekt und grossartig ist, wie es bisher dachte. Es erlebt Rückschläge und Frustrationen, es wird möglicherweise vom Optimisten zum Realisten. Eltern und Lehrpersonen haben gerade in dieser kritischen Übergangszeit die Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Frustrationen nicht überhand nehmen und der Selbstwert des Kindes nicht zu stark in Frage gestellt wird.
Im Verlauf der Schulzeit wird die Selbsteinschätzung immer differenzierter und stabiler. In der Pubertät nimmt der «Hunger nach Bestätigung» in der Regel wieder zu – damit zusammenhängend oft auch die Unzufriedenheit mit sich selbst (z.B. Mädchen mit ihrem eigenen Körper). Die Selbstwertschätzung ist subjektiv und gleichzeitig von sozialen Vergleichen und gesellschaftlichen Stereotypen (z.B. Männer sind..., Frauen sind ...) geprägt.
Menschen mit hoher Selbstwertschätzung achten mehr auf ihre eigenen Stärken und auf das, was sie können. Sie verhalten sich selbstbewusst und erfolgssicher (Kompetenzerwartung, Selbstwirksamkeit) und ernten damit oft Anerkennung oder Bewunderung, aber allenfalls auch soziale Ablehnung.
Wer sich selbst positiv beurteilt, beurteilt auch sein eigenes Tun positiv. Positive Selbstbeurteilung kann beispielsweise dazu führen, dass schwierigere Aufgaben schneller in Angriff genommen werden, oder dass man sich weniger rasch entmutigen lässt, wenn Probleme auftauchen.
Personen mit niedriger Selbstwertschätzung beschäftigen sich stark mit ihren Schwächen, mit dem, was sie nicht zu können glauben, was sie womöglich falsch machen. Dies nährt negative Erwartungen und führt in der Folge zu geringerer Anstrengung und zu erhöhter Angst vor dem Versagen. Ein Misserfolg ist wahrscheinlicher. Trifft dieser ein, verstärken sich die Selbstzweifel, das Selbstwertgefühl sinkt. Negative Selbstbewertung und Leistungsprobleme gehen oft Hand in Hand und können sich zu einem Teufelskreis verstärken.
Kinder und Jugendliche, die sich unterschätzen, haben öfter Schwierigkeiten, herausfordernde Aufgaben anzugehen und schöpfen deshalb ihr Potential nicht aus. Oder sie haben mit Anspannung und Nervosität zu kämpfen, was sich wiederum ungünstig auf ihre Leistungsfähigkeit auswirkt.
Auch Selbstüberschätzung birgt Gefahren. Kinder und Jugendliche, die sich stark überschätzen, bereiten sich beispielsweise ungenügend auf Prüfungen vor. Eine leichte Selbstüberschätzung wird aber zu besseren Leistungen verhelfen (Selbstwirksamkeit). Eine starke Überschätzung der eigenen Fähigkeiten hingegen kann dazu führen, dass der Erfolg für selbstverständlich gehalten wird, was zur Folge haben kann, dass so die nötigen Anstrengungen für weitere Erfolge nicht unternommen werden.

Realistische Ursachenzuschreibung
Selbstwert und Ursachenzuschreibungen für Ereignisse und Sachverhalte (Attributionen) stehen in einem engen Zusammenhang zum Selbstwert. Attributionen sind subjektive Zuschreibungen über Ursachen von Ereignissen und Sachverhalten, wie zum Beispiel die Überzeugung, dass die Ursache für einen Misserfolg in einer Prüfung an den zu schwierigen Aufgaben gelegen hat. Ereignisse können auf innere oder äussere Ursachen zurückgeführt werden. Zudem kann eine Ursache als stabil (dauerhaft) oder variabel angesehen werden.
Einen Prüfungserfolg eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben, hat grundsätzlich eine andere Bedeutung, als wenn man den Erfolg auf Glück zurückführt. Im einen Fall ist die Person selbst für den Erfolg verantwortlich, im andern Fall war das gute Ergebnis ein Produkt des Zufalls.
Bei einem negativen Ereignis ist die Zuschreibung auf eine dauerhafte innere Ursache (wie etwa mangelnden Fähigkeiten) sehr viel beeinträchtigender als die Attribution auf einen variablen Faktor (wie Pech oder mangelnde Anstrengung).
Attributionen (Zuschreibungen) wirken sich auf die Erwartungshaltung einer Person aus. Werden negative Erwartungen auf stabile Ursachen, wie z. B. auf eine mangelnde Begabung zurückgeführt, kann dies zu einem Erleben von Hoffnungslosigkeit führen. Die Erwartungshaltung, auch künftig erfolglos zu sein, wird genährt. Erfolgsorientierte Menschen neigen dazu, Erfolge eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben, Misserfolge jedoch variablen Faktoren wie mangelnder Anstrengung, fehlendem Interesse oder einfach dem Pech. Misserfolgsorientierte Personen neigen hingegen zu selbstwertbelastenden Zuschreibungen. Sie erklären Misserfolge eher mit einem Mangel an Fähigkeiten und fühlen sich selber verantwortlich für ein schlechtes Ergebnis. Kinder und Jugendliche sollten deshalb, wenn immer möglich, erfahren können, dass – mit entsprechendem Einsatz – die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein, in der Regel hoch ist. Erfolg und Misserfolg hängen so beide vom persönlichen Einsatz (innerer, variabler Faktor) und der Schwierigkeit einer Aufgabe (äusserer, variabler Faktor) ab.

Salutogenese oder «Wie entsteht Gesundheit?»
Das Konzept der «Salutogenese» (salus: Wohlsein, heil; genese: Entwicklung) geht der Frage nach, wie Gesundheit entsteht. Dieses Konzept gibt weitere Hinweise, wie eine gute Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unterstützt werden kann. Die Ausgangsfrage für die Salutogenese lautet: Weshalb bleiben Menschen unter bestimmten Lebensbedingungen gesund, während andere unter vergleichbaren Bedingungen krank werden? Oder bildhaft ausgedrückt: Wie werden Menschen im gefährlichen Fluss des Lebens zu guten Schwimmern?

Um aktiv eine gesunde Entwicklung mitgestalten zu können, ist es wichtig:

  1. Ein Problem erkennen und definieren zu können (Verstehbarkeit).
  2. Vertrauen in die Lösbarkeit eines Problems haben zu können (Handhabbarkeit).
  3. Das Gefühl haben zu können, dass das Leben einen emotionalen Sinn hat (Sinnhaftigkeit, bzw. Bedeutsamkeit).

Erlebt eine Person in sich die oben erwähnten drei Komponenten, begünstigt das die Akzeptanz von sich selbst und fördert die Einsicht, dass das Leben einen Sinn hat und es auch bewältigt werden kann. Weitere, bereits ausgeführte Aspekte helfen mit, dass sich Kinder und Jugendliche aus Sicht der Salutogenese zu «guten Schwimmern» entwickeln können:

  • Die Fähigkeit, verlässliche Bindungen zu andern Menschen aufnehmen zu können.
  • Die Überzeugung, Ereignisse und Situationen selbst aktiv beeinflussen zu können (interne Kontrollüberzeugung).
  • Ein positives Gefühl in das eigene Können, verbunden mit positiven Erwartungen im Hinblick auf künftige Ereignisse oder Herausforderungen (Selbstwirksamkeit).
  • Soziale Netzwerke, die als Ressourcen, also als Quelle für Unterstützung und Sicherheit erlebt werden.

Resilienz oder Widerstandsfähigkeit
Eng verwandt mit dem Konzept der Salutogenese ist das Konzept der Resilienz. Unter Resilienz versteht man die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern, von Menschen allgemein, gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken. Ziel der Resilienzforschung ist es, ein besseres Verständnis darüber zu erlangen, welche Faktoren und Bedingungen psychische Gesundheit und Stabilität fördern und erhalten - gerade bei Kindern, die besonderen Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind. Vereinfacht ausgedrückt, geht es um die Frage des Zusammenspiels von risikoerhöhenden Faktoren und risikomindernden, sogenannten Schutzfaktoren.

Risikofaktoren können sein:
- chronische Armut
- Entwicklungsverzögerungen
- längere Trennungen von primären Fürsorgepersonen
- längere Arbeitslosigkeit eines oder beider Elternteile
- u. a.

Ob Risikofaktoren auch tatsächlich Risikofolgen hervorrufen, ist von der Art der Situationsbewältigung durch die Kinder und Jugendlichen und ihren Schutzfaktoren abhängig.

Zu den Schutzfaktoren zählen:

  1. Personale Ressourcen, wie ein «einfaches» Temperament (sogenanntes «pflegeleichtes» Kind), sicheres Bindungsverhalten, ein positives Selbstkonzept (siehe die früheren Abschnitte), hohe Sozialkompetenz, usw.
  2. Soziale Ressourcen, wie ein günstiges Familienklima, Vorhandensein von mindestens einer Vertrauensperson, Strukturen und Regeln im Haushalt, usw.

Das Konzept der Resilienz legt das Hauptgewicht also auf die Frage, wie Risikosituationen von Kindern und Jugendlichen erfolgreich bewältigt werden können. Oder vom Förderaspekt ausgehend: Wie kann man Kinder stark machen? Wie können sie als aktive Bewältiger und Mitgestalter ihres Lebens gefördert werden? Resilienzförderung und die Prävention von Entwicklungsschwierigkeiten sind hier von entscheidender Bedeutung.

Förderung von Resilienz bei Kindern und Jugendlichen
Vergegenwärtigen wir uns modellhaft die wichtigsten Teilkomponenten zur Stärkung der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen: Was ergeben sich für Folgerungen oder Empfehlungen für Erziehung und Förderung unserer Kinder in Familie und Schule? Lassen wir zusammenfassend dazu ein Kind sprechen.

Ein resilientes Kind sagt: «Ich habe Menschen um mich, ...
- die mir vertrauen und die mich bedingungslos lieben
- die mir Grenzen setzen, an denen ich mich orientieren kann und die mich vor Gefahren schützen
- die mir als Vorbilder dienen und von denen ich lernen kann
- die mich dabei unterstützen und bestärken, selbstbestimmt zu handeln
- die mir helfen, wenn ich krank oder in Gefahr bin und die mich darin unterstützen, Neues zu lernen.

... ich bin...
- eine Person, die von andern wertgeschätzt und geliebt wird
- froh, anderen helfen zu können und ihnen Anteilnahme zu signalisieren
- respektvoll gegenüber mir selbst und anderen
- verantwortungsbewusst für das, was ich tue
- zuversichtlich, dass alles gut wird.

... ich kann ...
- mit andern sprechen, wenn mich etwas ängstigt oder mir Sorgen bereitet
- Lösungen für Probleme finden, mit denen ich konfrontiert werde
- mein Verhalten in schwierigen Situationen kontrollieren
- spüren, wann es richtig ist, eigenständig zu handeln oder ein Gespräch mit jemandem zu suchen
- jemanden finden, der mir hilft, wenn ich Unterstützung brauche.»

Wenn wir diese Aussagen ernst nehmen und den Bildungsauftrag nicht zuletzt als Persönlichkeitsbildung auffassen, fällt der Schule ein verbindlicher Beziehungsauftrag zu: Schulische Bildung und Erziehung ist dabei ausgeprägt als Beziehungsarbeit, also einer Arbeit an und mit guten, tragfähigen zwischenmenschlichen Beziehungen zu verstehen.

Literatur
- Brazelton, T. B. , Greenspan S. I. (2002): Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Weinheim: Beltz Verlag.
- Hüsler, G. (2004): Resilienz. Zauberwort oder mehr? Kursunterlagen.
- Lorenz, R. (2004): Salutogenese. Grundwissen für Psychologen, Mediziner, Gesundheits- und Pflegewissenschaftler. München: Ernst Reinhardt Verlag.
- Rustemeyer, R. (2004): Einführung in die Unterrichtspsychologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
- Schneewind, K. A. (2003): Freiheit in Grenzen. Universität München: CD-ROM.
- Schütz, A. (2005): Je selbstsicherer desto besser? Licht und Schatten positiver Selbstbewertung. Weinheim: Beltz Verlag.
- Wustmann, C. (2004): Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim: Beltz Verlag.

 

*Hansheini Fontanive erlernte nach einer Berufslehre als Fernmelde- und Elektronikapparatemonteur das Lehrerhandwerk, absolvierte die Ausbildung zum Fachpsychologen Kinder- und Jugendpsychologie und war von 1986-2011 Schulpsychologe im Kanton Schwyz. Er arbeitet in der Eltern- und Lehrpersonenweiterbildung mit und hat zahlreich zu verschiedenen Themen publiziert.

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