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Dem Dreisatz ist es Wurst, was man aus ihm macht

25.01.2017
Die tragenden Säulen der Schule reichen zurück ins 19. Jahrundert und werden den heutigen Anforderungen nicht gerecht. Deshalb muss die Schule ihren mächtigsten Gegner düpieren: den Status-quo. ...
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Die tragenden Säulen der Schule reichen zurück ins 19. Jahrundert und werden den heutigen Anforderungen nicht gerecht. Deshalb muss die Schule ihren mächtigsten Gegner düpieren: den Status-quo.

Von Andreas Müller*

Wer einen Lehrer als "lehrerhaft" charakterisiert, macht ihm beileibe kein Kompliment. Und "oberlehrerhaft" kommt schon in die Nähe einer Beleidigung. Auf der anderen Seite gibt auch ein schülerhaftes Verhalten keinen Anlass zu Anerkennung. Wer sich schülerhaft verhält, dem mangelt es an wichtigen personalen Kompetenzen, zum Beispiel an Selbstständigkeit. Im alltäglichen Sprachgebrauch scheinen die Rollen der schulischen Akteure nicht sonderlich positiv besetzt zu sein.

Rollen sind Konstruktionen. Sie reduzieren die Komplexität von Situation und Umständen auf bekannte Muster. Entsprechend leiten sie das Denken und Handeln in „Gebrauchsspuren". Heikel wird es spätestens dann, wenn sich Situationen und Umstände verändern, die Rollen aber beibehalten werden.

Die tragenden Säulen der heutigen Schule stammen denn auch aus einer völlig anderen Zeit. Und einer völlig anderen Welt. Es war die Zeit, in der in England der letzte Mensch öffentlich gevierteilt wurde. Es war die Welt, in der mehr als zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft verdienten. Es war die Zeit, in der Napoleon auf St. Helena dahinschied, die erste Fotografie entstand und sich die ersten Postkutschen über den Gotthard mühten. Man muss nicht zweihundert Jahre gelebt haben, um zu erkennen: die Welt hat sich verändert. Radikal. Und in einem horrenden Tempo.

Beispiel Diversität: Wir machen Erfahrungen. Klar. Und die Erfahrungen machen uns. Das ist weniger klar. Aber nicht minder richtig. Und wichtig. Menschen sind das Ergebnis ihrer Erfahrungen. Und je unterschiedlicher die Erfahrungen, desto unterschiedlicher die Menschen. Diese zunehmende Unterschiedlichkeit manifestiert sich in der Schule mit aller Deutlichkeit.
Damit ist nicht gemeint, dass die einen Kinder ein bisschen besser lesen können als die anderen. Solche fachlichen Unterschiede sind eigentlich Peanuts im Vergleich zu den sozialen, personalen und kulturellen Ungleichheiten. Es sind Welten, die sich in einem Schulzimmer treffen. im wahrsten Sinne des Wortes. Die Lehrer werden sich dieser Diversität Tag für Tag gewahr. Sie sehen sie, sie hören sie, sie lesen sie. Und sie versuchen, mit der Unterschiedlichkeit einigermassen gescheit umzugehen.

Diesen Bemühungen, so sie überhaupt unternommen werden, sind enge Grenzen gesetzt. In den Köpfen aber auch durch strukturelle Zwänge. Denn das System versucht immer noch mit alten Mustern der Probleme habhaft zu werden – mit Jahrgangsklassen, mit Fächern, mit Lektionen und all den Strukturelementen, die aus der Zeit der Gotthardkutsche stammen.

Die Schule sieht sich vor das Problem gestellt, dass die tektonischen Verwerfungen in der Gesellschaft sich partout nicht am pädagogischen Wohlleben orientieren wollen. Eruptionen pflegen nicht anzuklopfen und zu fragen, ob die Betroffenen einverstanden sind. Sie muss etwas tun: Sie muss das Lernen organisieren statt das Lehren. Das mag trivial klingen. Es hat aber weitreichende Konsequenzen. Es verlangt nach personalisierten Lernkonzepten.

Für die Institution bedeutet das: Den mächtigsten Gegner düpieren, den es überhaupt gibt – den Status quo. Sich lösen vom Primat der Lehrerbedürfnisse. Sich in den Dienst des Erfolgs des einzelnen Lernenden stellen. Er – der einzelne Lernende – ist Dreh- und Angelpunkt, seine Situation, seine Ressourcen, seine expliziten und impliziten Ziele. Ausgangspunkt ist also das, was der Lernende mitbringt, das was er unter den gegebenen Umständen weiss, kann, muss und will.

Lernen, das können die Schüler nur selber. Nicht was der Lehrer tut, steht im Zentrum. Sondern was er tut, damit die Lernenden das tun, was sie weiterbringt, darum geht es. Oder noch präziser: Was er tut, damit der einzelne Lernende möglichst erfolgreich lernt. Das ist der Kernpunkt. Wie lässt sich die Zeit so gestalten, dass der Einzelne in die Situation versetzt wird, sich aktiv und konstruktiv mit seiner schulischen und persönlichen Entwicklung zu beschäftigen. Der Weg zum Lernerfolg führt über den Schüler. Bei ihm liegt der Aktivitätsschwerpunkt. Wo sonst?

Wer will, dass Kinder und Jugendliche das tun, was sie weiterbringt, muss Einfluss nehmen auf das, was sie tun und wie sie es tun. Der "pädagogischen Einflussnahme auf das Verhalten und die Entwicklung Heranwachsender" sagt man Erziehung. Das führt zum Schluss: Kernaufgabe der Schule ist es, Kinder und Jugendliche zu erziehen. Es geht gar nicht anders. Man kann nicht Nicht-Einflussnehmen. Und man kann logischerweise nicht Nicht-Erziehen. Da kann das Schulwesen den Begriff noch so entschieden aus ihrem Vokabular ausradieren. Am Sachverhalt ändert sich nichts – auch wenn die Erziehungsdirektion in Bildungsdirektion umbenannt und die Schule stramm auf einen Fachunterrichts-Kurs getrimmt hat.

Schulisches Lernen lässt sich nicht auf den Transfer von Schulstoff reduzieren. Das ist zu trivial. Denn es reduziert den Schüler auf einen abstrakten Begriff. Das funktioniert nicht: Seine Person, seine Persönlichkeit, seine Gewohnheiten, seine Charaktereigenschaften, sein Verhalten, die Determinanten für Gelingen oder Scheitern. Darauf gilt es pädagogisch Einfluss zu nehmen. Ergo: Die Schule braucht ein klares Bekenntnis zur Erziehungsaufgabe. Sie muss sich der Aufgabe stellen, Kinder und Jugendliche zum Lernen zu erziehen. Beim Lernen zu erziehen. Und durchs Lernen zu erziehen. Eben: pädagogisch Einfluss zu nehmen auf das, was sie tun. Und wie sie es tun.

Wer etwas tut, weiss oder kann nachher etwas, das er vorher nicht (oder nicht ganz so gut) gewusst oder gekonnt hat. Zugleich hat er – um das zu tun, was er getan hat – eine Reihe von Knoten in sein Verhaltensmuster geknüpft. Und damit seine Gewohnheiten verstärkt. Er hat also nicht nur auf der Sachebene einen Gewinn zu verbuchen. Er hat auch seine Verhaltensweisen – die Art und Weise, wie er mit Aufgaben umgeht – ein kleines Stück weiterentwickelt. Und er hat auf der Persönlichkeitsebene emotionale Erfahrungen gesammelt – das Gefühl von Stolz beispielsweise.

Schulisches Lernen ist immer auch Persönlichkeitsentwicklung. Und umgekehrt. Mag man es als Lehrer noch so meinen und mag der Stoff noch so ausgefeilt didaktisiert sein, nie geht es einfach um eine Sache – um binomische Formeln, um Kommaregeln, um physikalische Gesetze. Nie! Es ist gar nicht möglich. Schlicht und einfach. Kompetenz und Performanz sind immer das Ergebnis dessen, was Menschen tun - und vor allem wie sie es tun. Anders gesagt: Schulstoff steht immer in einer Wechselbeziehung zu den handelnden Personen - und führt zu irgendeinem Verhalten. Das wiederum lässt sich nicht trennen vom einzelnen Menschen.

Konsequenz: Schulisches Lernen ist Erziehung. Pädagogik ist Sozialpädagogik. Edukative Sozialpädagogik sozusagen. Es gibt keine andere. Und Sozialpädagogik – edukative zumal – ist quasi Verhaltenstraining, Training eines Verhaltens, das zu guten Gewohnheiten führt.

Per Definition geht es in der Sozialpädagogik darum, «die Eigenverantwortung eines jungen Menschen und damit seinen selbstständigen Umgang mit allgemeinen Lebenslagen in der Gesellschaft zu stärken». Ein bisschen weniger sperrig formuliert: Es geht darum, junge Menschen fit zu machen, fit fürs Leben. Sie erkennen zu lassen: I am my future! Und sie dazu zu bringen sich, entsprechend zu verhalten.




Und wie das Individuum unteilbar ist, wie ein Schüler seine Persönlichkeit nicht an der Garderobe zum Mathematikzimmer an den Haken hängt, so ist auch Pädagogik unteilbar. Sie ist immer um eine Art Sozialpädagogik. Es geht immer um Menschen. Dem Dreisatz ist es Wurst, was man mit ihm macht. Dem Menschen nicht.

*Andreas Müller ist Autor mehrer Fachbücher zum Thema und in den Bereichen Weiterbildung und Beratung tätig. Zudem ist er verantworlicher Leiter des Instituts Beatenberg.

 

 

 

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