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Methodenfreiheit bedingt freie Wahl der Lehrmittel

13.06.2016
In der Diskussion um den Lehrplan 21 sind sich Befürworter wie Gegner in einem Punkt einig: Die Methodenfreiheit muss gewährleistet sein. Vorgaben zu den Lehrmitteln schränken diese Freiheit ein. In ...
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In der Diskussion um den Lehrplan 21 sind sich Befürworter wie Gegner in einem Punkt einig: Die Methodenfreiheit muss gewährleistet sein. Vorgaben zu den Lehrmitteln schränken diese Freiheit ein. In diesem Beitrag geht es um Gedanken zum Verhältnis von Lehrmitteln und Methoden.

von Urs Kalberer*, MEd ELT

In der Diskussion um den Lehrplan 21 sind sich Befürworter wie Gegner in einem Punkt einig: Die Methodenfreiheit muss gewährleistet sein. Die Ziele sind vorgegeben, aber der Weg dorthin liegt in der Verantwortung des Lehrers. Dezidiert äussert sich dazu Christian Amsler, der Präsident der Deutschschweizer-Erziehungsdirektoren-Konferenz D-EDK: „Die Unterrichts- und Methodenfreiheit ist in der Schweiz absolut gewährleistet. Die Lehrpersonen werden weder drangsaliert noch in ein Korsett gezwängt".

In der schulischen Realität sehen wir uns jedoch mit rigiden Vorschriften betreffend der Wahl der Lehrmittel konfrontiert. Es gibt nämlich gar keine Wahl – die Lehrmittel sind in vielen Fächern vorgeschrieben. Was aber hat die Methodenfreiheit mit den Lehrmitteln zu tun und wie können die Fähigkeiten und Kenntnisse der Lehrer am wirkungsvollsten im Unterricht aufblühen?

Methodenwahl eingeschränkt
Während ein Lehrplan grundlegende Fragen zum Unterricht und den Bedingungen des Unterrichts klärt – der Lehrplanforscher Rudolf Künzli spricht vom „entscheidenden konstitutiven Dokument der öffentlichen Schule" – obliegt es den Lehrmitteln, diese Vorgaben in die Schulpraxis einfliessen zu lassen. Anhand der Lehrmittel wird konkret fassbar, was der Lehrplan allgemein und verklausuliert vorgibt. Lehrmittel organisieren die Dosierung und die Abfolge des Stoffes. Ein Lehrmittel zu wählen, bedeutet deshalb immer auch, einen geplanten Ablauf von Lerninhalten zu wählen. Lehrmittel kontrollieren den Unterricht viel effizienter, als dies ein Lehrplan kann. Galt in der Vergangenheit der Lehrplan als prioritär, so muss man heute anerkennen: Der effektive Lehrplan bildet oft das Lehrmittel selbst und der Lehrer folgt gezwungenermassen den Anleitungen im Lehrmittel. Das heisst, die freie Methodenwahl wird durch obligatorische Lehrmittel stark eingeschränkt. Exemplarisch soll hier die Situation der Englischlehrmittel an der Volksschul-Oberstufe aufgezeigt werden.

Aus der obigen Grafik sind zwei Punkte augenfällig:

  1. Obwohl für die Deutschschweizer Kantone dieselben Ziele für den Englischunterricht gelten, werden dafür je nach Kanton andere Lehrmittel verlangt. Der Entscheid ist oft regional abgesprochen. Während Zug, zusammen mit seinen Zentralschweizer Partnern auf New Inspiration setzt, stützt sich Glarus zusammen mit anderen Ostschweizer Kantonen auf Open World. Grundsätzlich können die Lernziele aber mit verschiedenen Lehrmitteln erreicht werden.
  2. Der Kanton Zürich lässt als einziger Kanton gleich drei Englischlehrmittel zu.
    Aus der Karte ist gut ersichtlich, dass der Entscheid für oder gegen ein bestimmtes Lehrmittel mit regionalpolitischen Faktoren zu tun hat. Dabei stellt sich die Frage, wie frei die kleineren Kantone bei ihren Entscheiden sind.

Qualitätskontrolle
Wie wird der Lehrmittel-Zwang begründet? Dank guten Lehrmitteln erreichen die Schüler die gesetzten Lernziele einfacher und besser, sie sind ein Instrument der Qualitätskontrolle. Identische Lehrmittel sollen die Chancengerechtigkeit erhöhen und die Mobilität erleichtern. Ausserdem werden gleiche Lehrmittel als Voraussetzung für die Beurteilung und besonders auch für die Aufnahmeprüfungen an weiterführende Schulen gesehen. Ebenfalls mitspielen mag, dass die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen erleichtert wird. Unter vorgehaltener Hand muss auch dies noch erwähnt werden: Lehrmittel sind ein Geschäft, das sich besonders dann lohnt, wenn möglichst viele Exemplare verkauft werden können. Das Monopol schützt die Absatzzahlen und verhindert Konkurrenz.

Dem stehen allerdings gewichtige Nachteile gegenüber. Erstens entstehen immer wieder neue Lehrmittel, eine Lehrerbildung, die auf ein bestimmtes Lehrwerk fokussiert, ist notgedrungen fragmentarisch und gerät unweigerlich in den Dunstkreis von pädagogischen Ideologien. Weiter können bei intransparenten Beschaffungsentscheiden – besonders unter Ausschluss der Lehrerschaft – andere als pädagogische Interessen mitspielen. Aus pädagogischer Sicht muss festgehalten werden, dass Lehrmittel verallgemeinern und keine Rücksicht auf Unterrichtsfaktoren wie Klassengrösse, Heterogenität oder die Fähigkeiten der Unterrichtenden nehmen. Monopollehrmittel bevormunden die Lehrer, denn sie können nicht selbst entscheiden, was für ihre Lerngruppe und für sie selbst am besten passt.

Es ist nicht einzusehen, weshalb eine mehrklassige Bergschule denselben methodischen Ansatz wie eine Schule in einem Industrieort mit vielen Migrantenkindern haben muss, nur weil beide im gleichen Kanton liegen. Einheitslehrmittel fördern damit eine didaktische Monokultur, an der besonders unerfahrene Lehrer scheitern können. Das ideale Lehrmittel existiert so wenig wie die ideale Methode. Deshalb bringt eine Auswahl einen grösseren pädagogischen Handlungsspielraum und damit verbunden bessere Resultate.

Zürich als Vorreiter
Angesichts dieser Sachlage wäre es wünschenswert, wenn der Kanton Zürich mit seiner Auswahl an obligatorischen Lehrmitteln Nachahmer fände. Dies umso mehr, als die Zulassung von verschiedenen Englischbüchern in Zürich nach bisherigen Kenntnissen keine Beeinträchtigung des Lernerfolgs mit sich bringt. Man könnte sich höchstens fragen, ob nicht eine vollständige Liberalisierung noch mehr brächte. Politisch heikle Lehrmitteldiskussionen könnten vermieden werden, der Lehrer als kompetenter Entscheidungsträger würde gestärkt und die Lehrerbildung neu inspiriert.

Wir brauchen keine Expertengremien, welche den Lehrern vorschreiben, welche Bücher sie für ihre Klassen zu bestellen haben. Das ist eine Entmündigung der Lehrperson. Gleichzeitig können die Lehrmittel nicht an die lokalen Bedürfnisse angepasst werden. Die Forderung nach mehr Lehrmittelfreiheit orientiert sich an der im Grundsatz unbestrittenen Methodenfreiheit. Es gibt eben verschiedene Wege, um den Anforderungen des Lehrplans gerecht zu werden.

*Urs Kalberer, Malans GR, ist Sprachdidaktiker und Sekundarlehrer. Er betreibt den von "Freund und Feind" vielbeachteten Blog Schule Schweiz zu Schweizer Bildungsneuigkeiten. Urs Kalberer ist zudem Mitorganisator des ETAS Professional Development Day, der am 17. September 2016 an der Kantonsschule Zug stattfindet. Alle Informationen und eine Anmeldemöglichkeit finden sich unter diesem Link: ETAS Professional Development Day 2016.

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