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Schwach in Mathe – gut in Deutsch: oder umgekehrt?

29.08.2019
Schwach in Mathe – gut in Deutsch: oder umgekehrt?
KF
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In der PISA-Studie schneiden Schweizer Jugendliche im Alter von 15 Jahren in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften verglichen mit anderen europäischen Ländern sehr gut ab, im Fach Deutsch nur durchschnittlich. Motivationale Fördermassnahmen, speziell auch für Mädchen, werden insbesondere in den MINT-Fächern angeboten. Wie werden Leistungen in beiden Fächern gefördert und bewertet? Katarina Farkas, notiert Beobachtungen zu harten Fakten sowie zur gesellschaftlichen und individuellen Wahrnehmung von Kompetenzen.

*Von Katarina Farkas

In der NZZ von 6.12.2016 erschien ein Artikel mit dem Titel «Bestnoten für Schweizer Schüler im Fach Mathematik». Im Header heisst es: «Die Schweizer 15-Jährigen sind mit dem Rechner am flinksten. Die Schüler belegen in Mathematik weiterhin den Spitzenplatz in Europa.»

Wundert Sie das? Viele Leserinnen und Leser wahrscheinlich schon, denn in der öffentlichen Meinung wird oft das Bild transportiert, dass die Mathematikkompetenzen von Schweizer Schülerinnen und Schülern nicht ausreichend seien. Man hört dies im Zusammenhang mit Lehrstellensuche, aber auch mit der Studienwahl. Wer in Mathe nicht gut ist, wird wohl weder Informatikerin noch Ingenieur. Da bleiben dann noch andere Berufslehren oder Studiengänge, in welchen man nicht so gute Mathenoten braucht. Sprachlich und sozial Begabten stehen andere Berufsfelder offen, vermeintlich nicht ganz so schwierige. Maturandinnen und Maturanden scheinen zu wissen, dass 1/3 eines ETH-Jahrgangs das erste Studienjahr nicht erfolgreich absolviert und die ETH insbesondere aufgrund der Mathematiknoten verlassen muss. Mittlerweile ist unter angehenden Studierenden auch bekannt, dass das Studienfach Psychologie nur jene erfolgreich studieren, welche die Statistikprüfung in den ersten Studienjahren bestehen, eine offenbar ebenso selektionierende Prüfung.

Ob es Studienfächer gibt, die man wegen ungenügender Noten bei der Überprüfung von Lese- oder Schreibkompetenz verlassen muss? Werden diese an Universitäten und der ETH überhaupt systematisch mit einem Test überprüft? Aber zurück zum NZZ-Artikel und zu den Befunden der PISA-Studie. Der Artikel hat folgende Untertitel:

  • In der Mathematik erreicht die Schweiz das beste europäische Resultat
  • In den Naturwissenschaften ist die Schweiz signifikant besser als der OECD-Durchschnitt
  • Im Lesen liegen die Schweizer im Durchschnitt aller OECD-Staaten

Gut in Mathematik, schwach in Deutsch?
Die Resultate der Schweizer Schülerinnen und Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften sind hervorragend bzw. weit über dem OECD-Schnitt. Das ist bemerkenswert. Das Schweizer Bildungssystem kann stolz sein auf diese Resultate.
Vergleicht man die Leistungen der Lernenden bei PISA mit den Noten in Mathematik und Naturwissenschaften, stellt man fest, dass sich das gute Abschneiden bei PISA nicht zwingend in den Noten der Schülerinnen und Schüler spiegelt. Auch wenn man die Resultate der PISA-Studie mit der Realität auf dem Lehrstellenmarkt vergleicht, kommt Erstaunliches zu Tage. Viele Jungen und Mädchen, die sich für eine Lehrstelle in der Informatik bewerben, finden aufgrund ihrer Mathematiknoten keine oder haben sich aufgrund ihrer Noten gar nicht erst für eine Lehrstelle in der Informatik beworben. An der schriftlichen Mathematikmatura sind gemäss Untersuchungen 2/3 der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs offenbar ungenügend. Einige zeigen in den mündlichen Maturaprüfungen etwas bessere Leistungen und schaffen so doch noch eine genügende Mathematiknote im Maturazeugnis.

Jugendliche am See Andreas Busslinger
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Fehlende Motivation?
Vielerorts ist nachzulesen, dass es an der Motivation und dem Interesse der Mädchen (und Jungen) für Mathematik und Naturwissenschaften fehle. Vielleicht verliert sich dieses zwischen dem Alter von 15 Jahren, also zum Zeitpunkt der Messung für die PISA-Studie, und dem Alter von 18-20 Jahren, das ist der Zeitpunkt der Matura. Maturandinnen und Maturanden sagen wahrscheinlich nicht: «Ich hätte gerne Informatik oder Ingenieurswissenschaften studiert, aber weil meine Mathenoten zu schlecht sind, mache ich es nicht.», sondern äussern eher: «Informatik und Ingenieurswissenschaften interessieren mich gar nicht». Wie hoch ist wohl der Anteil fehlender Motivation und wie hoch die Angst vor dem vorhersehbaren (mathematischen) Misserfolg?
Wer sich viel zutraut, ist in einem Fach besser als jene, die denken, das Fach sei zu schwierig für sie, so wissenschaftliche Befunde. Ausserdem gab es vor ein paar Jahren in Österreich eine Studie mit dem Befund, dass das Geschlecht die Note einer Prüfung unter bestimmten Bedingungen beeinflussen kann. Es wäre interessant eine Vielfalt solcher Befunde systematisch zu erforschen und in einer Metastudie zueinander in Beziehung zu setzen, um daraus wissenschaftliche Befunde abzuleiten.

Exkurs in die eigene Gymnasialzeit
Erlauben Sie mir, geschätzte Leserschaft, einen kleinen Exkurs in meine eigene Gymnasialzeit. Nie werde ich meinen Mathematik- und Klassenlehrer Cornel Niederberger vergessen. Er verstarb leider zu früh, hatte aber bis dahin Lehrbücher für Mathematik sowie GEometrie verfasst und, was viel wichtiger war, hat unsere Klasse an der Kantonsschule Zug vier Jahre lang unterrichtet. Sein Credo war, dass alle Mathematik verstehen können. In unserer Klasse war meines Wissens kaum jemand ungenügend in Mathematik. Mathematik hat mir immer Spass gemacht. Trotzdem habe ich Germanistik und später Pädagogische Psychologie studiert. Im Germanistikstudium habe ich gelernt, dass man das Lesen und Schreiben von Texten systematisch trainieren kann, so dass alle Lernenden genügende Noten erreichen. Der Mythos, die einen können einfach gut Schreiben (und Lesen), die anderen nicht (und werden es leider auch nie richtig können), wurde widerlegt. Wie bei uns am Gymnasium in Mathematik, dachte ich, und erinnerte mich an die Haltung unseres Mathematiklehrers.

(Zu) selbstkritische Mädchen?
Zurück zu Mathematikleistungen heute: Mädchen tendieren dazu, sich selber in Frage zu stellen, wenn sie eine schlechte Note bekommen. Jungen denken eher, die Prüfung sei zu schwierig gewesen. Das sind wissenschaftliche Befunde. Natürlich hat das ebenfalls einen Einfluss auf die Entwicklung von mathematischen Kompetenzen. Vermutlich sind Erfolgserlebnisse ein wichtiger Einflussfaktor für Motivation und Interesse. Eigentlich müssten die Mathematiknoten der Schweizer Lernenden sehr gut sein, wenn die Befunde der internationalen PISA-Studie zu den Mathematikkompetenzen dieser Schülerinnen und Schüler erfreulich gut sind. Diese guten Resultate in der PISA-Studie in Mathematik müsste eigentlich die Motivation und das Interesse an mathematikbasierten Studiengängen und technischen Berufen deutlich steigern. Oder mache ich einen Denkfehler? Haben das fehlende Interesse und die mangelnde Motivation mit dem Alter der Lernenden zu tun?

 

Skateboarder by Andreas Busslinger
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Zu milde Benotung oder zu harte, je nach Fach?
International sind Mädchen gemäss PISA-Studie in Mathematik übrigens wirklich geringfügig schwächer als Jungen, ausser in Island, dort sind Mädchen deutlich besser. Bei den Lesekompetenzen sind die Jungen international und in der Schweiz deutlich schwächer als die Mädchen. Diese sprachliche Schwäche spiegelt sich jedoch nicht in der Maturanote der Jungen. Kaum jemand hat in der Deutschmatura eine ungenügende Note. Ein Deutschlehrer sagte mir kürzlich, als ich ihn fragte, wie er sich dies erkläre: Die Fachschaft Deutsch sei bekannt dafür, dass sie milde benote. In der Regel lägen die Noten einer Klasse bei einer Leistungsüberprüfung in Deutsch zwischen 3.5 und 5.5. Das sei in Mathematik wohl anders.
Von Studierenden, die eine universitäre Hochschule wegen mangelnder Deutschkompetenz hätten verlassen müssen, hört man kaum je etwas. Hingegen hört man oft Klagen über die fehlenden Deutschkompetenzen, von Lehrbetrieben genauso wie von Universitäten. Die mangelnde Sprachkompetenz von Lernenden ist seit ein paar Jahren Diskussionsgegenstand der Bildungsverantwortlichen. Lösungen werden auch in der EDK (Erziehungsdirektoren-Konferenz) diskutiert.

Was, wozu, bei wem und wie nachhaltig fördern?
Für die Erhöhung des Interesses an bzw. der Motivation von Lernenden für MINT-Fächer (= Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) gibt es bereits sehr viele Fördermassnahmen. Trotz aller Bemühungen gibt es noch viel zu tun. Wenn die Schweizer Lernenden so gut in Mathematik sind, wie PISA vermuten lässt, dann müsste sich ihre mathematische Kompetenz künftig auf Berufs- und Studienwahl dahingehend auswirken, dass mehr junge Leute MINT-Studiengänge und Berufslehren erfolgreich in Angriff nehmen. Mit Blick auf die PISA-Resultate im Lesen müssten auch Massnahmen ergriffen werden, damit sich die Sprachkompetenzen von Kindern und Jugendlichen in der Erstsprache nachhaltig verbessern.
In den letzten Tagen war in den Medien einmal mehr viel Interessantes zu diesem ganzen Themenfeld zu lesen: Mathematik sei eine durchaus wichtige Kompetenz, sei aber nicht mit Intelligenz gleichzusetzen, Intelligenz sei umfassender. Logisches Denken könnte auch durch Philosophie und Schach trainiert werden. Sprache sei zentrales Element für gelingendes Zusammenleben von Menschen und müsse darum gezielt gefördert werden, und zwar weit über Grammatik und Rechtschreibung hinaus. All das sind interessante Ansätze, die zum Weiterdenken anregen. Worin sind Mädchen und Jungen stark? Wozu, worin und wie können sie nachhaltig gefördert werden?
Grundsätzlich sind Zuwendung und Ermutigung durch Lehrpersonen und ein gutes Selbstvertrauen zentral für das Lernen. Dies ist allen Lehrpersonen klar und ebenso wichtig. Das heisst, die Grundlagen für mögliche Erfolge in allen Fächern wären da. Aber irgendwo steckt der Wurm drin. Gerne entwickle ich mit anderen konstruktive Lösungsvorschläge und freue ich mich auf Ihre Impulse: .

*Katarina Farkas, Fachschaftsleiterin Fachdidaktik Deutsch und Deutsch als Zweitsprache, Pädagogische Hochschule Zug
Schreibberatung von Peer-to-Peer
Bei einigen Studierenden ist zu Beginn des Studiums die Deutschkompetenz zu wenig gut. Die PH Zug bietet deshalb eine Schreibberatung an. Studierende mit einer Weiterbildung für die Schreibberatung unterstützen ihre Mitstudierenden beim Verfassen von Texten für das Studium, beim Optimieren der Textstruktur und beim Überarbeiten von Texten. Sie geben den Studierenden Feedback auf ihre Texte bzw. ihre Fragen rund ums Schreiben und das Thema «Schrift».
Mehr Infos: beratung.phzg.ch > Schreibberatung

 

 

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