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Wenn Eltern Hausaufgaben machen

23.02.2017
Wer sein Kind und seine Schüler nicht zur Unselbständigkeit erziehen will, muss Verantwortung abgeben. Dabei gilt es zu bedenken, dass Verantwortung ein Stuhl und keine Bank ist. Von Carla ...
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Wer sein Kind und seine Schüler nicht zur Unselbständigkeit erziehen will, muss Verantwortung abgeben. Dabei gilt es zu bedenken, dass Verantwortung ein Stuhl und keine Bank ist.

Von Carla Kronig-Zurbriggen*

In einem Zuger Supermarkt in der Gemüseabteilung unterhalten sich zwei Mütter über die unklaren Lernziele für die M&U Prüfung ihrer Kinder. Eine beschliesst, die Lehrerin anzurufen und dann im Mütterchat Bescheid zu geben, was genau gelernt werden muss.

In einer fünften Klasse ist eine Schülerpräsentation angesagt. Am Vorabend läuft das Telefon heiss zwischen mehreren Elternteilen. In den Familien wird an der PowerPoint Präsentation gearbeitet – allerdings sitzen nicht die Schüler am PC, sondern deren Eltern. Im Laufe des Schuljahres hat sich ein Konkurrenzkampf zwischen den Eltern entwickelt – welche Familie schafft die besten Präsentationsnoten?



Früher war dies anders. Die Eltern kümmerten sich um ihre eigenen Aufgaben im Beruf, Haushalt, in der Kindererziehung. Hausaufgaben gab es auch schon früher, die Kinder erledigten diese aber eigenverantwortlich. Die Kinder gingen auch selbständig zur Schule. Elternhaus und Schule sorgten ergänzend für die Entwicklung des Kindes. Die Schule war verantwortlich für die Schulbildung, die Eltern für die Erziehung der Kinder. Die Aufgabenbereiche waren klar getrennt und gegenseitig respektiert. So standen denn die Eltern auch hinter der Lehrperson, wenn ein Kind Probleme in der Schule hatte.

Erziehung zur Unselbständigkeit
Die Gesellschaft und damit auch die Schule und Elternhäuser haben sich verändert. Der Bildungs- und Erziehungsauftrag wird heute vermehrt von beiden Parteien dieser Schicksalsgemeinschaft Lehrer und Eltern ernst- und wahrgenommen. Das Mitspracherecht der Eltern in der Schule ist in den letzten Jahren gewachsen. Eltern greifen denn auch viel schneller zum Telefon oder marschieren gleich insKlassenzimmer, wenn ihnen etwas nicht passt. So wundert es nicht, dass Lehrpersonen alles dokumentieren und Briefe, Prüfungen und Berichte von den Eltern unterzeichnen lassen. Sie sind somit gewappnet, wenn sie Übertritte und Leistungsbeurteilungen rechtfertigen müssen.

Heute klagen Lehrer nicht nur über die Einmischung der Eltern in ihr Fachgebiet, sondern auch über den Erziehungsstil überbehütender Eltern, so genannte Helikopter-Eltern, die ihre Kinder zu Unselbständigkeit erziehen, diese als Projekt betrachten und behandeln.

Zusammengefasst sieht die Lage aus der Sicht eines Schülers folgendermassen aus: Die Eltern verfolgen und kontrollieren das Schulgeschehen (Lehrmethoden, Unterrichtsstil, Lerninhalte, Notengebung, Hausaufgaben, aber auch Hygienekonzepte, schulisches Konfliktmanagement, die Schulpflege und so weiter). Lehrpersonen verlangen elterliche Mitarbeit, Unterzeichnung von Briefen, Berichten, Hausaufgabenbüchlein, Kontrolle der Hausaufgaben und so weiter.

So gesehen erzieht das gesamte System die Kinder zu Unselbständigkeit.

Stuhl der Verantwortung
Ein Kind kann nur selbständig werden, wenn es Verantwortung übernimmt. Das bedingt, dass die andere Person diese Verantwortung abgibt. Auf der Elternseite sind grundsätzlich viele daran interessiert, ihren Kindern Verantwortung zu übergeben, wissen jedoch nicht wie. Oder sie sind nicht bereit, diese in vollem Umfang abzugeben. Genau das ist aber der springende Punkt bei der Verantwortung. Wenn es um Verantwortung geht, ist entscheidend, klar zu verteilen, wer welche Verantwortung innehat und diese auch für sich will. Nur so funktioniert Verantwortung. Jesper Juul nannte dieses Prinzip einst „Stuhl der Verantwortung". Ein Stuhl als Sinnbild für einen Verantwortungsbereich, wie beispielsweise Hausaufgaben, auf dem jeweils nur eine Person sitzen kann. Wenn zwei Personen versuchen, den Stuhl für sich zu beanspruchen, kommt es unweigerlich zu einem Konflikt. Dies ist es auch, was täglich in unzähligen Haushalten passiert, wenn Eltern mit ihren Kindern um die Hausaufgaben kämpfen. Obwohl Hausaufgaben eigentlich zum Aufgabengebiet eines Schülers gehören, im Auftrag der Lehrperson. Im Grunde sollten für deren Erledigung also die Kinder selbst auf dem Verantwortungsstuhl sitzen, für die Kontrolle die Lehrer. Das ist heute, besonders bei jüngeren Schülern selten mehr der Fall. Meist ist der Sitzplatz nicht klar vergeben. Dabei wäre es simpel.



Wenn ich als Mutter oder Vater den Hausaufgaben-Verantwortungsstuhl für mich beanspruche, sollte ich dies mit allen Konsequenzen tun. Ich allein bestimme, ich allein trage auch allfällige Konsequenzen, ich bin verantwortlich. Wenn ich dem Kind diesen Platz überlassen möchte, muss ich mir erst im Klaren sein, ob ich das tatsächlich wage. Bin ich imstande, mich ganz zurück zu ziehen? Vertraue ich meinem Kind genug, um ihm diese Chance zu geben, allein in diesem Bereich zurecht zu kommen? Falls meine Antwort Nein lautet, bleibe ich besser auf dem Platz und übernehme oder behalte die Verantwortung für diesen Bereich, trage aber auch die Konsequenzen in alleiniger Verantwortung. Ohne Schuldzuweisungen ans Kind, wenn etwas vergessen geht oder nur teilweise erfüllt ist. Im Falle einer Verantwortungsübergabe, zu der auch das Kind Ja sagt, muss ich mich ganz zurücknehmen. Dies bedeutet, dass ich nicht mehr nachfrage, nicht mehr kontrolliere. Wenn ich das tun würde, bekäme mein Kind die unterschwellige Nachricht, dass ich ihm das Abgemachte gar nicht zutraue und ihm nicht vertraue. Als Eltern stehen wir selbstverständlich zur Verfügung, wenn das Kind Hilfe sucht oder Fragen hat, denn auch dies liegt in seiner Verantwortung.

Kooperation Elternhaus und Schule
Eine Übergabe der Verantwortung an das Kind benötigt in allen Schulbereichen das Einverständnis der Schule. Im Kanton Zug besteht die elterliche Pflicht in Bezug auf Hausaufgaben einzig darin, den Kindern Zeit für die Erledigung ihrer Hausaufgaben einzuräumen. Wenn die Eltern also den Mut und das nötige Vertrauen in ihre Kinder aufbringen, können sie ihnen die Verantwortung für die Hausaufgaben übergeben. Das bedingt allerdings, dass Lehrpersonen nicht die Eltern in die Pflicht nehmen, die Hausaufgabenerledigung zu kontrollieren. Solange eine Lehrperson die Gegenzeichnung des Hausaufgabenbüchleins oder der Hausaufgaben selbst ein verlangt, kann die Verantwortung nur bei den Eltern sein.

Aus erzieherischer Sicht empfiehlt es sich, Verantwortungsstühle nach und nach an die Kinder zu übergeben, in den unterschiedlichen Bereichen der Kinderwelt. Heute scheint diese Aufgabe in Schulbelangen komplexer und energieraubender als früher, da noch alles klarer getrennt war. Doch sie ist dank der Kooperation von Eltern und Lehrern auch verbindlicher und hat grössere Aussicht auf Erfolg. Solange aber die Kinder so wenig Spielraum für eigene Verantwortungsübernahme haben, bleibt die Erziehung zur Selbständigkeit schwierig. So erfüllen die Eltern vollends ihre Verantwortung, indem sie für ihre Zöglinge Präsentationen kreieren und Prüfungsinhalte aufbereiten.

*Carla Kronig-Zurbriggen, hat ein Lizentiat in Erziehungswissenschaften (sciences de l'éducation) der Universität Genf; sie hält Vorträge und macht Beratung für Eltern, Paare, Jugendliche, Kinder und Familie; wohnhaft in Cham, Zug. (Link:) www.to-move.net.

 

 

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