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Kompetenzen — Beurteilen lernen

Die Beurteilung von Schülerinnen und Schülern ist ein anspruchsvolles und persönliches Thema zugleich. Wie kann es gelingen, Studierende in der Grundausbildung für diese Berufsaufgabe fit zu machen? ...
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Die Beurteilung von Schülerinnen und Schülern ist ein anspruchsvolles und persönliches Thema zugleich. Wie kann es gelingen, Studierende in der Grundausbildung für diese Berufsaufgabe fit zu machen?

Von Markus Roos*

Welt- und Menschenbilder als Grundlage der Beurteilung
Die Tatsache, dass die Schülerbeurteilung ein sehr persönliches Thema ist, offenbart sich auch an der PH Zug, wenn die Studierenden im vierten Semester das Modul «Beurteilen und Fördern» besuchen. Alle bringen dazu aus ihrer eigenen Schulzeit vielfältige Erfahrungen mit – gute und schlechte, auf jeden Fall persönliche.

Das Thema "Beurteilung" ist persönlich, weil sich hinter den Vorstellungen guter Beurteilung das ganze Welt- und Menschenbild einer Person verbirgt:

  • Was ist wichtig im Leben und wird folglich beurteilt und gefördert?
  • Was zählt als Leistung – und was nicht?
  • Welchen Zweck verfolgt die schulische Beurteilung?
  • Lassen sich die zu beurteilenden Leistungen eher messen oder eher beschreiben?
  • Wie muss Beurteilung ausgestaltet sein, damit sie fair ist? Was bedeutet Fairness überhaupt?
  • In welchen Situationen soll (wie?) beurteilt werden?
  • Mit welchen Vorgehensweisen können Lehrperson zu belastbaren und aussagekräftigen Beurteilungsgrundlagen kommen?
  • Welcher Massstab soll angewandt werden?
  • Wie soll eine Zeugnisnote zustande kommen? Was soll in welcher Gewichtung in die Zeugnisnote einfliessen?
  • Bezieht sich die Zeugnisnote auf das Semesterende oder auf das ganze Semester?
  • Welcher Stellenwert kommt der Selbstbeurteilung und der Peer-Beurteilung neben der Fremdbeurteilung durch die Lehrperson zu?
  • Wie lassen sich Beurteilungen so kommunizieren, dass sie verstanden werden können und als hilfreich wahrgenommen werden?

Je nach persönlichem Standpunkt werden Antworten auf solche Fragen unterschiedlich ausfallen. Selbst die Wissenschaft kann bei vielen dieser Fragen nur begrenzt weiterhelfen, weil es kein Richtig und Falsch gibt. Oftmals lassen sich aus wissenschaftlicher Sicht nur Spannungsfelder beschreiben. Oder es kann untersucht werden, wie solche Fragen in der Praxis beantwortet werden und was daraus resultiert.

Unterschiedliche kantonale Regelungen
Auf Grund dieser unklaren Ausgangslage haben die Kantone zu verschiedenen Fragen der Schülerbeurteilung unterschiedliche Antworten gefunden. Dies ist durchaus legitim, da die Beurteilung der Schülerinnen und Schüler in der Volksschule kantonal geregelt ist. Es vereinfacht aber nicht die Aufgabe, die Studierenden auf die Situationen vorzubereiten, die sie in den verschiedenen Kantonen antreffen werden, in denen sie mit ihrem Diplom eine Lehrberechtigung erwerben.

Die Kantone unterscheiden sich z. B. darin, ...

  • ob den Eltern bereits während des Semesters benotete Leistungen vorgelegt werden müssen – oder nicht.
  • welche Beurteilungsinstrumente vorgesehen sind.
  • welche Rolle die Kinder am Beurteilungsgespräch haben.
  • wie die Selektionsverfahren ausgestaltet sind (Ablauf, Kriterien, Mitsprachemöglichkeiten usw.).
  • ob Lernfortschritte ebenfalls in die Noten einfliessen dürfen – oder nur der Lernstand.
  • ob Lern- und Leistungssituationen getrennt werden müssen – oder nicht.

Solche Unterschiede, die in Schulgesetzen, Weisungen, Reglementen oder Broschüren eher unscheinbar daherkommen, werden gerne überlesen. In ihrem Zusammenspiel haben sie aber einen Einfluss auf die Beurteilungs- und Unterrichtskultur. Das liegt u.a. daran, dass die Art der geplanten, abschliessenden Beurteilung ihre Schatten vorauswirft und den vorangehenden Unterricht mitprägt (sog. Backwash-Effekt, vgl. Elton, 1987, zitiert nach Biggs & Tang, 2007, S.169).

Für solche Zusammenhänge sollen die Studierenden an der PH Zug sensibilisiert werden. Sie sollen dafür fit gemacht werden, die kantonalen Vorgaben ihres späteren Schulstandorts schnell in ihrer Tragweite zu verstehen und ihren Unterricht an diese Vorgaben und die einzelnen Kinder zu adaptieren. Hilfreich sind dabei konkrete Beispiele im Sinne von Fallstudien, Videos, Beobachtungs- und Beurteilungsinstrumenten, Arbeitsergebnissen usw.

Schwierigkeiten der Beurteilung
Manche Studierende hätten anstelle der sensibilisierenden Hintergrundinformationen und Beispiele lieber konkrete Rezepte, wie sie vorgehen müssen, um «richtig» zu beurteilen. Zu gerne wüssten sie, wie sie genau vorgehen müssen, um die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler objektiv einzuschätzen. Das würde ihnen so manchen Konflikt mit Eltern ersparen. Einfache Rezepte zur Beurteilung sind jedoch schwer, weil Beurteilungen immer einem Spannungsfeld von Genauigkeit und Geltungsbereich ausgesetzt sind. Schwarzer und Schwarzer (1978) sprechen in diesem Zusammenhang von einem "Bandbreite-Fidelitätsdilemma".

Genauigkeit: Steht die Genauigkeit einer Beurteilung im Vordergrund, so geht es darum Beurteilungssituationen oder Prüfungen zu konstruieren, die das entsprechende Lernziel so genau wie möglich erfassen. Eine besonders hohe Genauigkeit versprechen z.B. standardisierte Leistungstests. Solche Tests werden von Fachleuten entwickelt und an grossen Stichproben geeicht. Sie machen präzise Aussagen, wie gut ein Kind die vorgelegten Aufgaben lösen konnte. Wenn solche Tests sauber konstruiert sind, lässt sich aus den Ergebnissen ableiten, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Kind einen Aufgabentyp mit einem bestimmten Schwierigkeitsgrad lösen kann (d.h. ein bestimmtes Kompetenzniveau erreicht hat). Genau genommen resultiert aber selbst aus solchen Tests weder eine Punktzahl noch eine Note, sondern nur eine Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kind ein bestimmtes Niveau erreicht hat. Und es liegt im Wesen von Wahrscheinlichkeiten, dass sie im Einzelfall nicht zutreffen müssen, sondern eben nur "wahrscheinlich" sind. Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit solchen Tests besteht darin, dass sie nur in einzelnen Fächern vorliegen, innerhalb dieser Fächer nur ausgewählte Themen/Bereiche abdecken und sich nur auf bestimmte Aufgabentypen beziehen.
Geltungsbereich: Diese Tests bilden also nicht die ganze Breite des Lehrplans und des Unterrichts ab, sondern nur die leicht überprüfbaren Aspekte. Sie haben somit einen eingeschränkten Geltungsbereich. Eine Lehrperson kennt die Kinder ihrer Klasse viel umfassender. Sie weiss beispielsweise, wie sich die Kinder entwickelt haben und wie sie sich in verschiedenen Fächern bei unterschiedlichen Aufgabentypen verhalten. Sie kann nicht nur leicht überprüfbare Fächer und Aspekte in ihre Beurteilung einbeziehen, sondern auch komplexe Leistungen oder offene, kreative Aufgaben erfassen. Was Lehrpersonen jedoch auch bei bestem Willen und grösstem Einsatz nicht leisten können, ist eine wissenschaftlich abgesicherte Eichung ihrer Beurteilung. Sie müssen damit leben, dass sie den Beurteilungsmassstab anderer Lehrpersonen (z.B. aus einer anderen Gemeinde) nicht kennen. Damit ist die Aussagekraft einer Beurteilung durch Lehrpersonen eingeschränkt, sobald Bezüge über das einzelne Schulzimmer hinaus geschaffen werden.

Diesem Spannungsfeld von Genauigkeit und Geltungsbereich können Lehrpersonen bei der Beurteilung nicht entkommen. Genau wie bei anderen Spannungsfeldern der Beurteilung müssen Lehrpersonen lernen mit diesem Dilemma umzugehen, die Funktion von Beurteilungen zu klären und Abstriche am Ideal einer umfassenden und zugleich präzisen Beurteilung zu machen.

Das Modul Beurteilen und Fördern an der PH Zug
Das Modul «Beurteilen und Fördern» an der PH Zug vermittelt Grundlagen, dass sich Studierende schnell in ein kantonales Beurteilungssystem einarbeiten können. Sie sollen Spannungsfelder identifizieren und verschiedene Funktionen der Beurteilung unterscheiden können. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf eine Beurteilung gelegt, die keine Scheingenauigkeit vortäuscht, sondern hinreichende Grundlagen für diagnostische Überlegungen im Hinblick auf die Förderung der Kinder liefert.

Thematisch dreht sich die Vorlesung um Themen wie Lernziele, Kompetenzen, Beobachtung, Beurteilung, Selektion und Förderung. Wie erwähnt, interessieren sich die Studierenden dabei insbesondere dafür, wie man «richtig» benotet, schliesslich wollen sie ihrer Aufgabe gerecht werden und möglichst wenige Auseinandersetzungen mit Eltern provozieren. Viele sind enttäuscht, wenn sie realisieren, dass es in diesem Bereich zwar viele Forschungsresultate, einige theoretische Grundlagen sowie Erfahrungen und Faustregeln aus der Praxis gibt – nicht aber wissenschaftlich anerkannte, fundierte Rezepte. Umso mehr sollen die Studierenden erfahren, welche Möglichkeiten ihnen jenseits der Noten im Bereich der Beurteilung offenstehen wie z.B. Selbstbeurteilung, Peer-Beurteilung, verbale Feedbacks, Beurteilungsgespräche, Beurteilungsraster (Rubrics) oder Portfolios.

Die Beurteilung der fachlichen Kompetenzen setzt fachliches und fachdidaktisches Wissen voraus, welches in den einzelnen Fachdidaktiken erworben wird. Gerade das Vereinbaren sinnvoller fachlicher Lernziele oder das Ableiten gezielter Fördermassnahmen auf der Basis einer Lernstandsanalyse oder einer Lernkontrolle ist ohne soliden fachdidaktischen Hintergrund undenkbar. Aus diesem Grund wird die Beurteilungsthematik auch in den einzelnen Fachdidaktiken aufgegriffen und exemplarisch in der allgemeinen Vorlesung vertieft.

Parallel zur Vorlesung arbeiten die Studierenden im Selbststudium mit Fallstudien, Beispielen, Videos usw. Im Fachpraktikum wählen sie einen Teilaspekt aus der Veranstaltung aus, machen erste Schritte in der Praxis und reflektieren diese.

Fit für die Beurteilung von Schülerinnen und Schülern sind die Studierenden damit noch nicht – das ist eine berufliche Lebensaufgabe von Lehrpersonen, die das eigenständige, längerfristige Arbeiten mit einer eigenen Klasse und die Zusammenarbeit in einem Schulhaus- bzw. Unterrichtsteam voraussetzt. Aber die Studierenden erarbeiten in diesem Modul Grundlagen, die sie dabei unterstützen, sich dieser anspruchsvollen beruflichen Entwicklungsaufgabe ernsthaft und authentisch zu stellen. Mit ihrer ganz persönlichen, professionellen Handschrift. Dafür sind sie fit.

Literatur
  1. Biggs, J. B. & Tang, C. (2007). Teaching for quality learning at University. Maidenhead: Open University Press.
  2. Schwarzer, Ch. & Schwarzer, R. (1979). Praxis der Schülerbeurteilung. Ein Arbeitsbuch. München: Kösel.
*Prof. Dr. Markus Roos ist seit 2006 Co-Fachschaftsleiter Bildungs- und Sozialwissenschaften an der PH Zug. 

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